GANGWAY verleiht Preis für den obdachlosenfeindlichsten Ort Berlins

Obdachlosigkeit ist ein großes Thema in Berlin: Genaue Zahlen gibt es nicht, Schätzungen variieren stark. Eine Zählung im Rahmen der „Nacht der Solidarität“ im Auftrag des Senats im Januar 2020 kam offiziell auf 1976 obdachlose Menschen, aber diese Zahl ist umstritten und wird nicht als repräsentativ angesehen[1]. Ein Hauptproblem bei dem Thema an sich: Obdachlose finden im öffentlichen Raum durch Polizeipräsenz, defensive Architektur und Verdrängung immer weniger öffentliche Aufenthaltsorte.

Auch wir als GRIPS Theater sehen die aktuellen Entwicklungen generell und bei uns direkt am Hansaplatz kritisch, denn die Tendenzen spiegeln sich auch hier wider. Wir als Theater am Hansaplatz sind dabei im Kontakt mit den Straßensozialarbeiter*innen von GANGWAY e.V., die vor Ort mit Obdachlosen arbeiten, Beratungen anbieten und sie in das Berliner Hilfesystem vermitteln. Deshalb traten die Sozialarbeiter*innen von GANGWAY an uns heran, um auf das Thema auch durch eine Veranstaltung am Theater aufmerksam zu machen. Dieses Jahr wird deshalb erstmalig der obdachlosenfeindlichste Ort Berlins gekürt und mit der „Goldenen Keule“ ausgezeichnet.

Mit dem Preis sollen subtile Methoden der Verdrängung in Berlin sichtbar gemacht werden und strukturelle und körperliche Gewalt thematisiert werden. Dieses Unrecht ist nicht hinnehmbar, vor allem, da der Berliner Senat sich das Ziel gesetzt hat, Obdachlosigkeit in Berlin bis 2030 abzuschaffen [2]. Eine fünfköpfige Jury aus Obdachlosen und Expert*innen wird dabei die Entscheidung treffen. Außerdem wird eine Einzelperson oder Initiative mit der „Goldene Platte“ geehrt, die sich in besonderen Maße für obdachlose Menschen eingesetzt hat. Schirmherr der Preisverleihung ist der Schauspieler Florian Bartholomäi, welcher sich mit uns gemeinsam für mehr Sichtbarkeit zu diesem Thema einsetzt.

Corona verändert die Versorgungslage grundlegend

Gerade im Winter zu Corona-Zeiten spitzt sich die Situation noch weiter zu und bedarf deshalb mehr (politischer) Aufmerksamkeit. Laut dem Malteser Hilfsdienst e.V. sind rund 25% der Obdachlosen älter als 50 Jahre, zählen aufgrund von Vorerkrankungen mit zu den Corona-Risikogruppen und sind daher besonders schutzlos auf der Straße [3]. Das Eindecken mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln führte zeitweise zu verminderten Lebensmittelspenden an die Berliner Tafel. Zwar hat sich der Betrieb wieder weitestgehend normalisiert und im Dezember konnten 8000 Lebensmitteltüten extra für Obdachlose gepackt werden [3]. Doch zeitweise Schließungen und die steigende Anzahl an Bedürftigen verändert die Arbeit grundlegend. Die Tafeln sind mitunter am Limit und rufen prominent zu Solidarität und Unterstützung auf. Auch die Kapazitäten der ärztlichen Versorgung und Unterbringung von Obdachlosen hat sich durch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Politik verändert und teilweise verknappt.

Der Schauspieler Florian Bartholomäi ist Schirmherr der Verleihung

Foto: Markus Nass / www.markusnass.de

Dazu der Schauspieler Florian Bartholomäi, Schirmherr der Verleihung der Goldenen Keule 2021:

„Unsichtbare Formen und Methoden der Verdrängung von obdachlosen Menschen und Gewalt an wohnungslosen Personen stellen keine Einzelfälle dar. Obdachlose auszugrenzen und im Stadtbild unsichtbar machen zu wollen, ist keine Unterstützung für die Betroffenen, man muss ihnen helfen. 

Da mich das Thema immer schon beschäftigt hat, war ich sehr daran interessiert zu hören, dass Gangway – Straßensozialarbeit in Berlin e.V. und das GRIPS Theater im Jahr 2020 zusammen kamen, um sich genau darüber auszutauschen. Es entstand die Idee, einen Preis – Die Goldene Keule – für den obdachlosenfeindlichsten Ort Berlins zu vergeben, um die gängige Praxis bei der Verdrängung obdachloser Personen zu beschreiben, auf das Unrecht aufmerksam zu machen und Politiker*innen an ihre Verantwortung zu erinnern. Denn die Politik ist mitverantwortlich für unsere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – Rahmenbedingungen, die Obdachlosigkeit verhindern und Wege aus der Not anbieten können. 

Umso mehr freut es mich, in diesem Jahr Schirmherr der Goldenen Keule sein und etwas für die Menschen tun zu können. Mir haben Begegnungen mit obdachlosen Personen geholfen, meine eigenen Vorurteile abzubauen. 

Ich bin davon überzeugt, wenn sich die Menschen mit dem Thema Obdachlosigkeit befassen, ein aufgeklärteres Bild entsteht und dadurch Lösungsansätze gefunden werden können. Ich freue mich auf die Verleihung der Goldenen Keule und den Austausch, der dadurch entsteht“

Die vier nominierten Orte

Ursprünglich sollte die Preisverleihung am 24. Januar 2021 bei uns im GRIPS Theater stattfinden. Aufgrund der aktuellen Coronalage wurde die Veranstaltung auf den 20. Mai 2021 verschoben. Um bereits jetzt auf die Situation obdachloser Menschen aufmerksam zu machen, präsentieren wir hier die vier nominierten Orte, samt der Begründungen, welche GANGWAY aus einer Vielzahl aus Einsendungen vorausgewählt hat.

Hansaplatz

Nominiert: Der Hansaplatz.

Das Baudenkmal Hansaplatz, das 1957 im Rahmen der Unterbau mit dem zutiefst sozialen Gedanken ein „Ort der Begegnung“ zu sein im Bauhausstil errichtet wurde, hat sich zu einem Hotspot der Verdrängung obdachloser Menschen entwickelt. Obwohl Straftaten hier rückläufig sind und die Polizei den Ort aus der Liste der kriminalitätsbelasteten Orte gestrichen hat, gibt es hier eine Vielzahl von Personen und Organisationen, die systematisch versuchen, Obdachlose zu verdrängen.

Das subjektive Unsicherheitsgefühl, das im Widerspruch zur objektiven Sicherheit steht, führt dazu, dass Hilfsorganisationen aufgrund von Baumaßnahmen an ihrer Hilfe gehindert werden und der örtliche Sicherheitsdienst umstrittene Kompetenzen zugesprochen bekam. Der Hansaplatz ist seit 1995 denkmalgeschützt, unterschiedliche Interessensgruppen agieren vor diesem Hintergrund, um den Ort als Bau- und Gartendenkmal zu wahren. [5]

Alexanderplatz

Nominiert: Der Alexanderplatz.

Der Berliner Alexanderplatz ist der höchst frequentierte Platz Berlins, bis zu 300.000 Menschen passieren täglich diesen Ort. Seit geraumer Zeit gilt er als kriminalitätsbelasteter Ort im Sinne des „Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes“ (ASOG) des Landes Berlin und ist immer wieder diesbezüglich Thema in der Boulevardpresse.

Aus diesem Grund ist hier eine erhöhte Polizeipräsenz festzustellen. Neben vielen anderen Methoden der Verdrängung haben die polizeilichen Aktivitäten, die seitens der Politik aufgrund des öffentlichen Drucks forciert werden und häufig nur eine Alibi-Funktion haben, zahlreiche negative Folgen für obdachlose Menschen. In Relation zu der Menschenanzahl, die sich täglich über den Alexanderplatz bewegt, ist der Ort einer der sichersten Berlin.

Habersaathstraße 40 – 48

Nominiert: Die Habersaathstraße 40-48

Der Plattenbau mit 105 Wohnungen und über 5.000 qm Wohnfläche im Bezirk Mitte, den das Land Berlin 2006 für zwei Millionen Euro verkauft hatte, wurde in den Folgejahren aus Spekulationsgründen nach und nach entmietet. Der Eigentümer möchte den bezugsfertigen Wohnraum zerstören, das Gebäude abreißen und Luxuswohnungen errichten.

Am 29.10.2020 besetzten Obdachlose acht der fast 90 leerstehenden Wohnungen. Obwohl der Bezirksbürgermeister zunächst eine Beschlagnahmung der Immobilie überprüfen wollte, wurde die Besetzung durch die Polizei nach wenigen Stunden beendet. Die obdachlosen Menschen wurden trotz der Corona-Pandemie und dem bevorstehenden Winter zurück auf die Straße getrieben.

Ostbahnhof

Nominiert: Der Ostbahnhof.

Der Ostbahnhof ist, wie die meisten zentralen Fernbahnhöfe der Republik, seit jeher ein Aufenthaltsort obdachloser Menschen. Verschiedene Versuche diese zu verdrängen, hat an diesem Ort ebenfalls eine lange Geschichte: durch Räumungen und Einschreitungen der Bundespolizei.

Am auffälligsten ist an diesem Bahnhof jedoch die Anwendung so genannter „defensiver Architektur“, also Bauelementen und Einrichtungen, die den Aufenthalt von Obdachlosen erschweren

Mehr Infos zur Preisverleihung und den Kooperationspartnern:
http://www.grips-theater.de/programm/spielplan/produktion/623

Quellen:
[1] https://taz.de/Wohnungsnot-und-Verelendung/!5658789/

[2] https://taz.de/Kaeltehilfe-in-Berlin/!5735341/

[3] https://www.malteser.de/aware/engagement/obdachlos-in-zeiten-von-corona.html

[4] https://www.berliner-tafel.de/berliner-tafel/

[5] https://taz.de/Verdraengung-von-Obdachlosen-in-Berlin/!5689870/