„Unser wirkungsvollstes Mittel: Mit allen Sinnen Prozesse durchdringen“

Philipp Harpain zum Start der Spielzeit 2021/22

Normalerweise stellen wir im Mai oder Juni – also am Ende einer Spielzeit – mit einer „Spielerischen Spielzeitvorschau“ die Pläne für die gesamte kommende Spielzeit unserem Publikum und der Öffentlichkeit vor. In diesem Jahr: Nüschte. Warum das so ist, wieso GRIPS-Leiter Philipp Harpain erstaunlich gelassen wirkt, was ihn dennoch richtig wütend macht, welche Themen anstehen, was bis Dezember im GRIPS los sein wird und was wir als Kinder- und Jugendtheater im großen Weltgeschehen überhaupt bewirken können – das gibt es hier zum Nachlesen:

GRIPS: Wir haben ja noch kurz vor Spielzeitende unser Haus für vier Wochen geöffnet, mit welchem Gefühl bist du Mitte August in die neue Spielzeit gestartet? 

Philipp Harpain:    Erstmal mit einem guten Gefühl, denn ich hatte mal wieder richtig Urlaub! Das war letztes Jahr im Sommer nicht so, weil wir uns viel damit beschäftigt haben, wie es wohl weitergehen wird. Dazu kommt noch, dass ich gerade merke, dass das Haus wächst und vieles vorangeht. So hatten wir zum Beispiel während der Theaterferien dringend nötige Umbaumaßnahmen, es wurden die Maske und Garderoben umgebaut, Zwischendecken entfernt, es ist alles luftiger und praktischer geworden. Wir haben eine neue Lüftungsanlage und unsere Beleuchtung und die Heizungsanlage wurden klimafreundlich umgerüstet. 

Apropos, da sind wir ja auch schon mitten in der aktuellen Spielzeit, letzte Woche haben wir einen Schwerpunkt für Kinder auf das Thema „Klimaschutz“ veröffentlicht, dazu gehört das Kinderstück HIMMEL, ERDE, LUFT UND MEER (von Christian Giese nach Volker Ludwig), das letzte Woche sehr erfolgreich zur Premiere kam, das „KlimaPowerPaket“ und die Kampagne „Wir wählen zusammen“. Das ist so wichtig, denn es entscheidet sich jetzt für die zukünftigen Generationen, was noch reparabel ist. Wenn wir uns die Nachrichten seit Wochen vor Augen führen: Es ist die Rede von Naturkatastrophen, aber es ist die von Menschen gemachte Klimakatastrophe. Es gilt jetzt, alles Mögliche dafür zu tun, damit zukünftige Generationen auch gut leben können.

Philipp Harpain | © Piero Chiussi

GRIPS: Du hast im Vorwort zum „KlimaPowerPaket“ sehr klar die Generation der Älteren in die Pflicht genommen, du schreibst wütend: “… so sind wir dabei, die Zukunft künftiger Generationen zu zerstören. Dies muss unweigerlich zu einem Generationskonflikt führen. Die ältere Generation hat durch ihr unverantwortliches Handeln den Generationenvertrag aufgekündigt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die junge Generation mit der Fridays-For-Future-Bewegung dies mit all ihren Mitteln anprangert. Denn, wie sie es fordert, gehandelt werden muss jetzt! Sofort, radikal und auf allen gesellschaftlichen Ebenen.“

Philipp Harpain:    Naja, weil die ältere Generation es verpasst hat, für die folgenden Generationen nachhaltig zu handeln. Die ganzen Prognosen kennt man ja wirklich schon sehr lange. Seit 50 Jahren ist Umweltschutz und wie wir die Natur zerstören, ein Thema, das habe ich doch schon als Neunjähriger Mitte der 70er Jahr mitbekommen! Die Prognosen waren damals schon die gleichen, der einzige Unterschied ist, dass diese Prognosen jetzt schon Realität sind und werden. Seit Jahrzehnten wird der konsequente Klima- und Umweltschutz verschlampt, obwohl Umweltaktivist*innen das schon lange einfordern. 

Großartig, dass es „Fridays for Future“ gibt, dass die junge Generation so aufbegehrt. Nur, die Jugendlichen sind leider nicht die, die die Politik bestimmen, sondern die älteren Generationen, die Konzerne und ein globales Wirtschaftssystem, das nicht auf Respekt und Nachhaltigkeit, sondern auf Ungleichheit, Wachstum und Ausbeutung beruht. Und hier ist die Frage, ob wir es zulassen, dass wir uns weiter selber die Lebensgrundlage auf diesem Planeten entziehen, oder ob wir die Kehrtwende endlich hinbekommen, Jung und Alt zusammen!

GRIPS: Am 28. Oktober kommt mit der Uraufführung von STECKER ZIEHEN von Rinus Silzle ein weiteres, auch sehr wichtiges Thema für Kinder auf die Bühne: Es geht um Schulstress in der Grundschule. Wie bist du auf das Thema gekommen?

Philipp Harpain:    Ich hatte in der Zeitung von einem Jungen gelesen, der in der 3. Klasse mit den Hausaufgaben nicht mehr klarkam, und deswegen in seiner Not die Polizei angerufen hat. Wirklich alle Kinder kennen das Wort „Stress“! Wir konnten Rinus Silzle, der bei dem letzten Berliner Kindertheaterpreis einen Sonderpreis erhalten hat, als Autor gewinnen, der sich tief in das Thema eingearbeitet hat. Am Beispiel von fünf Kindern erzählt er die unterschiedlichen Formen von Stress in der Grundschule. Alle haben damit ganz unterschiedliche Sorgen, je nachdem, wie die Eltern reagieren, die Lehrenden, die Mitschüler*innen. Man bekommt sehr hautnah die Not der Kinder mit unserem bewertenden Bildungssystem mit und auch die Not der Lehrenden damit. Die Schulkarriere der Kinder wird in unserer Leistungsgesellschaft schon von Anfang an durchgeplant. Auch die Kinder machen das ja schon untereinander mit, wann ist man winner, wann loser, ist nicht schon alles vorbei, wenn man nicht aufs Gymnasium kommt? Von daher: Ein wirklich wichtiges Thema. Auch und ganz besonders für Lehrende und Eltern. Jochen Strauch übernimmt die Inszenierung, er selbst ist übrigens ausgebildeter Stressbewältigungstrainer und geht entsprechend mit einem sehr feinen Gespür an das Stück heran. 

GRIPS:  Das sind die beiden GRIPS-Produktionen, die im Herbst herauskommen, weitere Produktionen dieser Spielzeit sind in Planung, was du aber noch nicht verraten möchtest, zu sehr hängen sie von der Entwicklung der Pandemie ab. Was können wir im November und Dezember noch erwarten? 

Philipp Harpain:    Wir arbeiten mit dem ROM*NJA POWER THEATERKOLLEKTIV zusammen, am 9. November werden wir bei uns die Premiere ihres Stücks „Stadt der Befreiung“ inspiriert durch Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ zeigen, unsere Dramaturgin Ute Volknant hat mitgearbeitet. Vor der Pandemie hatten wir das Kollektiv schon mit einer Produktion bei uns zu Gast. Ich wünsche mir sehr, dass aus dieser Partnerschaft eine feste Kooperation mit weiteren Projekten wird, auch, dass zum Beispiel unsere Ensembles zusammenarbeiten werden. Es gibt ja kein eigenes Rom*nja-Theater in Berlin, ich möchte gerne dem Kollektiv einen Ort geben. 

Und: Am 21. November wird im GRIPS Theater „Die Goldene Keule“ verliehen, ein neuer Preis für den obdachlosenfeindlichsten Platz Berlins. 2019 hat hier am Hansaplatz ein Immobilienunternehmen versucht, im öffentlichen Raum eine Platzordnung zu erlassen und umzusetzen, bei der man sich ohne Grund nicht mehr hätte auf dem Hansaplatz aufhalten dürfen, was unfassbar war! Das ging überhaupt nicht mit dem Grundgesetz überein! Mit dem Verein Gangway, der sich u.a. auch um die Obdachlosen am Hansaplatz kümmert, sind wir im Zuge dessen ins Gespräch gekommen, sie haben sich AUS DIE MAUS, unser Kinderstück über Obdachlosigkeit, angesehen und so hat sich dieser Anti-Preis entwickelt. Mittlerweile haben sich der Idee bundesweit über 30 Initiativen angeschlossen. Bei der Preisverleihung am 21. November werden vier Berliner Orte vorgestellt, die die „Goldene Keule“ verdient hätten. Eine Jury aus Fachleuten und Obdachlosen wird den Sieger, also den obdachlosenfeindlichsten Platz Berlins, verkünden. Veranstalter ist der Verein Gangway, das GRIPS ist Kooperationspartner. 

GRIPS: Zurück zur realen Situation unter Corona-Bedingungen: Was ist deine Prognose? Wird das GRIPS weiter spielen können, selbst wenn eine vierte Welle kommt?

Philipp Harpain:    Erstmal gehe ich davon aus, dass wir möglichst lange spielen können, und hoffe natürlich, dass die Erwachsenen sich impfen lassen. Worüber ich mich jetzt schon sehr freue, ist, dass unser Publikum uns mit großem Interesse und Freude besucht und begeistert die Vorstellungen feiert.

Da wir nicht wissen, wie sich die Infektionen im Herbst entwickeln werden, veröffentlichen wir erstmal nur den Spielplan für zwei Monate, also bis Ende Oktober. Intern haben wir bis Januar einen Spielplan disponiert, aber ich plane so, dass wir in der Lage sind, jederzeit wieder auf einen digitalen Spielplan zurückgreifen können. 

GRIPS: Du wirkst erstaunlich unerschrocken, nahezu abgebrüht, wie steht denn das GRIPS finanziell da?

Philipp Harpain: (lacht) Dank der letzten sehr anstrengenden 1,5 Jahre habe ich mir tatsächlich eine gewisse Abgebrühtheit zugelegt. Ich weiß, dass wir bis Dezember durchkommen werden und wir haben Ausgleichsfinanzierungen beantragt. Und was man auch nicht vergessen darf, der aktuelle Berliner Kultursenat steht auch auf unserer Seite, Kürzungen im nächsten Jahr sind wohl nicht geplant, in anderen Bundesländern sieht das durchaus anders aus. 

Ich mache mir eher Sorgen um unsere Kolleginnen und Kollegen je länger die Pandemie dauert, denn einige haben kaum spielen können: Können wir es schaffen, ein kreativer, produktiver Pool zu bleiben? Bis jetzt ist uns das ganz gut gelungen mit unseren digitalen Projekten der letzten 18 Monate, aber das gilt es natürlich beizubehalten, am Ball zu bleiben. 

GRIPS:   Die Klimakrise ist ein mächtiges Problem, aber auch das Thema Obdachlosigkeit und Schulstress sind heftige Themen, die du im Spielplan aufnimmst – wie sehr, denkst du, kann im großen Geschehen ein kleines Kinder- und Jugendtheater überhaupt etwas bewirken? 

Philipp Harpain:    Um mit dem Autor und Philosophen Fabian Scheidler zu sprechen, das sind ja immer wieder die kleinen Inseln, die man schafft, und da ist das GRIPS auf jeden Fall so eine Insel. Es geht vor allem darum, immer wieder Mut zu machen, sich einzusetzen. Das hat ja GRIPS schon immer gemacht. 

Wir machen auf Themen aufmerksam, rücken sie in den Mittelpunkt, indem wir mit unseren künstlerischen Mitteln sensibilisieren. Das ist das, was Theater kann. Unser wirkungsvollstes Mittel ist, mit allen Sinnen Prozesse zu durchdringen und begreifbar zu machen, das Publikum in unseren Stücken mit unseren Schauspielenden emotional mitzunehmen und dabei unterhaltsam zu sein. Das, was unter Corona ganz wegfiel: Wir sind ja eine Kultur zum Anfassen, zum Dabeisein, zum Weiterdenken, hier darf geweint und gelacht werden, hier darf man auch wütend sein. Und wir sind auch ein Raum, wo Ideen gesponnen werden können, wo es weitergehen kann. 

Das Interview führte Anja Kraus (Öffentlichkeitsarbeit | Presse und SocialMedia)