„Am besten presst man sich an die Wand und verschwindet in der Umgebung“

Im Stück „oh peinlich“ geht es um Schüchternheit, Lampenfieber und die Angst, im Mittelpunkt zu stehen. Was bedeutet „schüchtern sein“ eigentlich – und woran kann man erkennen, dass hinter dem Verhalten eines Kindes möglicherweise mehr als Schüchternheit steckt, zum Beispiel selektiver Mutismus? Unsere Dramaturgin und Theaterpädagogin Henriette Festerling hat mit einem Vater gesprochen. Vielen Dank an dieser Stelle für die Offenheit und für die Einblicke!

Ein Buchladen. Menschen kommen herein, gehen durch die Regale, suchen etwas, unterhalten sich. Für die meisten ist es ein ganz gewöhnlicher Ort. Für seine Tochter, von der hier ihr Vater erzählt, kann sich derselbe Raum völlig anders anfühlen.

Plötzlich ist da dieser Spot.

„Alle Leute im Laden, die Kunden und noch mehr die Verkäufer, das ist ihr Empfinden, beobachten sie genau. Und bei allem, das sie tut, weiß sie nicht, ob es korrekt ist – es könnte als komisch oder falsch interpretiert werden. In der Angst, abgewertet zu werden oder einen Fehler zu machen, macht man lieber nichts. Am besten presst man sich an die Wand und verschwindet mit der Umgebung – und dazu gehört, nicht zu sprechen.“

Elektiver Mutismus ist für seine Tochter keine bloße Schüchternheit. Er ist eine körperliche Reaktion.

„Beim elektiven Mutismus ist es definitiv ein ganzkörperliches Erlebnis – eine körperliche Starre. Die Muskeln verspannen sich, das Gesicht friert quasi ein. Das Gesicht ist dann unfähig, Emotionen zu zeigen – wie eine Maske. Nacken, Schulter, Rücken sind komplett verspannt.“

Begonnen hat es im vorletzten Kita-Jahr. Die Erzieherinnen bemerken, dass das Mädchen sich anders verhält, auf Fragen nicht wie erwartet reagiert. Erst später bekommt das Verhalten einen Namen. Eine Logopädin begleitet die Familie, und der Übergang in die Grundschule gelingt gut: Die Lehrerin kennt Mutismus, das Mädchen findet ihren Platz und nimmt sogar an einem Gedichtvortrag teil.
Mit dem Wechsel aufs Gymnasium und der Corona-Zeit kehren die Schwierigkeiten zurück. Auch das Reiten, das ihr Halt gegeben hatte, fällt weg. Dabei nimmt die Tochter ihre Umwelt außergewöhnlich genau wahr.

Sie sieht Dinge, die anderen entgehen, beobachtet, erkennt, reflektiert.

„Ich glaube, das sind zwei Seiten derselben Medaille: den Fluch, das Gefühl zu haben ständig unter der Lupe zu sein, und auf der anderen Seite die unglaubliche Fähigkeit, Dinge wahrzunehmen, zu reflektieren und – bei ihr – auch kreativ umzusetzen.“

In der Schule wird diese besondere Wahrnehmung jedoch kaum gesehen. Stattdessen wird ihr Schweigen bewertet.

„Im allgemeinen Teil, bei Mitarbeit und Sozialverhalten wurde sie oft mit der zweitschlechtesten Note bewertet, obwohl sie ein sehr empathischer Mensch ist und sich in Gruppen, in denen sie sich sicher fühlt, sehr gut einbringt und die Gruppe voranbringt. Diese Bewertungen haben sie immer wieder sehr verletzt.“

Die Eltern kämpfen an mehreren Schulen für einen Nachteilsausgleich. Doch Lehrkräfte wechseln, Informationen gehen verloren, und immer wieder wird von ihrer Tochter verlangt, was sie in bestimmten Situationen nicht leisten kann.

Für sie wird Schule damit zu einer permanenten Belastung.

„Ich glaube, das ist im deutschen Bildungssystem – von der Kita über die Grundschule bis zu weiterführenden Schulen – wirklich ein Kampf gegen Windmühlen. Als Eltern leidet man unglaublich mit, da es für die Kinder Tag für Tag enorm belastend ist. Ich habe allein deshalb schon den größten Respekt vor meiner Tochter, weil sie trotzdem jeden Tag hingegangen ist.“

Denn Schule bedeutet für viele Kinder Stress: Leistungsdruck, die Dynamik der Klasse, das ständige Beurteiltwerden. Für ein Kind mit Mutismus kommt eine weitere Ebene hinzu. Immer wieder wird etwas eingefordert, das in bestimmten Situationen psychisch und körperlich nicht möglich ist.

Und trotzdem geht sie jeden Tag zur Schule.

Aber elektiver Mutismus kann sich sehr unterschiedlich ausdrücken. Es gibt Kinder, die nur zuhause mit den eigenen Eltern sprechen. Aber es gibt auch Kinder, die ins Rampenlicht gehen können. Erstaunlicherweise kann das Theaterspielen für Menschen mit Mutismus ein Ort der Befreiung sein, denn dort kann man jemand anderes sein.

„Wenn man dann auf die Bühne gehen und in einer Rolle sein kann, ‚das bin nicht ich‘, kann man endlich zeigen, was man eigentlich kann. Das kann eine große Befreiung sein.“

Für den Vater besteht seine wichtigste Aufgabe darin, der Tochter Ruhe, Sicherheit und Vertrauen zu geben, ohne den nächsten Schritt einzufordern. Es bedeutet aber auch auf sich selbst und sein Bauchgefühl vertrauen, dass die Tochter bei entsprechender Begleitung alle Schritte von selbst gehen wird – nur vielleicht langsamer als andere.

„Das kann schon quälend sein. Denn die Entwicklung verläuft nicht linear und manche Veränderungen geschehen eher millimeterweiße.“ Vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung aus diesen Jahren:

„Entwicklung lässt sich nicht erzwingen. Aber sie wird möglich, wenn ein Mensch sich sicher genug fühlt, selbst zu entscheiden, wann er ins Licht tritt.„


Die fachliche Unterscheidung zwischen Schüchternheit und Mutismus:

Die Patholinguistin und Fachtherapeutin „Mutismus“ Carolin Schröter beschreibt den Unterschied zwischen Schüchternheit und Mutismus so:

„Schüchternheit wird als Persönlichkeits- bzw. Temperamentsmerkmal beschrieben. Schüchterne Menschen können soziale Situationen als eher unsicher empfinden oder in Leistungs- und Interaktionsmomenten mit einer Rückzugstendenz reagieren. Sobald sich ein Maß an Sicherheit einstellt, ist es schüchternen Menschen möglich, verbal zu kommunizieren und auch zu interagieren. Sie antworten, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden, oder kommunizieren von sich aus, wenn sie sich sicher und der Situation gewachsener fühlen.
Bei einem selektiv mutistischen Kind würde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder können nicht bewusst darüber entscheiden, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation »diktiert«, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält. Dabei besteht eine andauernde Unfähigkeit, in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Personen oder an bestimmten Orten zu sprechen, wobei in anderen Situationen eine unauffällige Sprach- und Kommunikationsfähigkeit vorliegt. Der Mutismus ist durch eine »deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert, so dass ein Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht« (Definition nach ICD-10). Der selektive Mutismus basiert auf einer Körperblockade im Sinne einer Angstreaktion, die die Fähigkeit zu Interaktion und Kommunikation beeinträchtigt. Dabei ist oftmals ein ursächlicher Angstfaktor objektiv von außen und auch im Inneren nicht erkennbar.“

Das Zitat ist aus einem Interview, das im Materialheft zu OH PEINLICH zum kostenlosen Download auf der GRIPS-Website zur Premiere am 15.10.26 veröffentlicht wird.

Mehr Informationen findet man hier:
Mutismus Selbsthilfe Deutschland e. V.