„Gerade den leisen, stillen oder peinlich berührten Menschen einmal eine große Bühne zu geben“

… Konstantin Langenick im Gespräch mit dem Regiekollektiv hannsjana über Schüchternheit, Peinlichkeit, Musik über ihre Stückentwicklung „oh peinlich“ und über die Frage, wie man Theater für Kinder macht.

GRIPS: Wie seid ihr auf das Thema Schüchternheit gekommen?

    hannsJana: Das GRIPS Theater hat eine lange Geschichte damit, Kindern Mut zu machen: Kinder darin zu bestärken, laut zu sein, sich etwas zu trauen und den Mund aufzumachen. Gleichzeitig gibt es Kinder, denen genau das schwerfällt. Kinder, die sich nicht so gerne in den Mittelpunkt stellen, die nicht laut sind oder Schwierigkeiten haben, für sich einzustehen.
    Wir wollten deshalb ein Stück machen, das sich ganz speziell diesen Kindern widmet – und vielleicht auch dabei hilft, ein besseres Verständnis für schüchterne Menschen zu entwickeln. Denn Schüchternheit wird schnell übersehen. Gerade den leisen, stillen oder peinlich berührten Menschen einmal eine große Bühne zu geben und ihre Perspektiven sichtbar zu machen, fanden wir spannend.

    Auch unsere Figuren haben ganz unterschiedliche Gründe dafür, nicht gerne im Mittelpunkt zu stehen. Eine Figur bekommt zum Beispiel ständig gesagt, sie sei zu laut – und möchte deshalb gar nicht immer laut sein. Eine andere Figur hat eine Muttersprachlichkeit, die nicht Deutsch ist, und für die es vielleicht schwieriger ist, sich in einer Gruppe selbstbewusst auf Deutsch zu äußern. Dann gibt es eine Figur mitten in der Pubertät, für die ohnehin alles peinlich ist. Sie hat Angst, vor ihrem großen Idol etwas falsch zu machen und sich zu blamieren. Vielleicht fühlt sie sich auch mit ihrem Körper unwohl oder möchte nicht durch eine bestimmte Genderidentität auffallen oder in eine Schublade gesteckt werden. Eine weitere Figur erlebt zu Hause großen Druck. Für sie muss alles, was sie öffentlich macht, perfekt sein. Und dann gibt es auch das Kind, das in einer großen Gruppe einfach den Mund nicht aufbekommt.

    GRIPS: Was wünscht ihr euch, was das Publikum aus dem Stück mitnimmt?

    hannsJana: Uns ist natürlich wichtig, diesen politischen Anspruch mitzudenken: leisen Menschen Gehör zu verschaffen und Verständnis für unterschiedliche Formen von Schüchternheit zu schaffen. Gleichzeitig soll es aber vor allem auch Spaß machen. Das Publikum soll eine richtig gute Zeit haben.

    Schüchternheit bietet nämlich sehr viel Raum für Humor. Peinliche Situationen können unglaublich lustig sein. Und manchmal macht man gerade deshalb, weil man eine peinliche Situation vermeiden möchte, etwas noch viel Peinlicheres.

    Zum Beispiel, wenn man nicht möchte, dass andere Leute sehen, wie man sich umzieht. Dann macht man vielleicht unter einem Handtuch irgendwelche unglaublichen Verrenkungen, anstatt sich einfach schnell umzuziehen. Und genau das sieht am Ende oft viel lustiger aus.
    Man könnte auch von einer regelrechten Kettenreaktion der Peinlichkeit sprechen: Man macht etwas Peinliches und versucht, es zu überspielen – und macht dadurch direkt das nächste peinliche Ding.

    GRIPS: Eine wichtige Rolle spielt auch die Musik. Wie arbeitet ihr damit?

    hannsJana: Das ist tatsächlich etwas, das unsere Arbeit sehr erleichtert und das Stück ganz besonders macht. Wir arbeiten mit dem Musiker Ignacio Villa zusammen, der die alten GRIPS-Songs neu arrangiert und zeitgemäß gemacht hat. Da ist zum Beispiel etwas von NDW und deutscher Popmusik zu hören, gleichzeitig gibt es starke Beats und elektronische Elemente. Wir sitzen bei den Proben manchmal einfach da und nicken nur noch mit den Köpfen, weil die Musik so gut funktioniert und im Raum richtig viel Energie entsteht.

    GRIPS: Wie habt ihr “oh peinlich” entwickelt?

    hannsJana: Meistens suchen wir uns zunächst ein Thema aus und überlegen eine Art Grundstruktur: Was ist das Problem? Welche Handlung könnte es geben? Wer sind die Akteur*innen? Was soll passieren? Dann improvisieren wir sehr viel. Bei “oh peinlich” haben wir die Improvisationen aufgenommen oder mitgeschrieben. Daraus entstehen nach und nach szenische beziehungsweise dramatische Texte. Dann probieren wir diese Texte wieder aus. Die Spieler*innen lesen oder spielen sie, wir schauen, was funktioniert und was nicht, geben uns gegenseitig Feedback und schreiben anschließend weiter. Es ist also ein ständiger Aushandlungsprozess. 
    Bei uns kommt häufig das Spielen zuerst und der Text danach. Der Text hat deshalb nicht unbedingt diesen starken Werkcharakter. Es geht nicht zuerst um sprachliche Schönheit, sondern um Situationen auf der Bühne, die wir anschließend in Text übersetzen.

    GRIPS: Wenn ihr selbst Publikum bei “oh peinlich” wärt, mit welchem Gefühl würdet ihr den Saal gerne verlassen?

    hannsJana: Ich würde gerne ein bisschen nachdenken. Und ich hätte gerne einen großen Ohrwurm im Kopf. Am Ende wäre ich gerne ein bisschen gerührt. Ich möchte überrascht und gut unterhalten werden – und ich möchte lachen.

    GRIPS: Was würde euch enttäuschen?

    hannsJana: Ich mag es nicht, wenn Theater etwas nur für sich selbst macht. Wenn eine ästhetische Form oder eine bestimmte Strenge verfolgt wird, ohne dass sie etwas mit dem Publikum zu tun hat oder beim Publikum etwas auslöst. Wenn sich das, was man macht, nicht überträgt, kann man es eigentlich auch lassen. Ein paar kleine Insider oder Momente, die nur für uns funktionieren, kann man sich natürlich gönnen. Aber grundsätzlich sollte man Theater für ein Publikum machen und nicht nur für sich selbst.

    GRIPS: Welche Art von Humor interessiert euch?

    hannsJana: Wir wollen natürlich, dass es lustig ist. Aber wir mögen keinen Humor, bei dem man eigentlich schon weiß: Jetzt kommt der Witz, und ich soll an dieser Stelle lachen. Wir mögen Witze, die überraschend sind. Und wir mögen Humor, der nicht immer auf Kosten von Menschen geht, über die ohnehin schon ständig gelacht wird. Viel spannender ist es, eine Situation zu finden, die man so noch nicht gesehen hat.

    GRIPS: Habt ihr manchmal Angst, bei Kindern den richtigen Ton nicht zu treffen?

    hannsJana: Ja, absolut. Wir sind schon länger keine Kinder mehr und haben manchmal Angst, bestimmte Trends nicht mehr zu kennen oder den richtigen Ton zu verpassen. Das ist auch deshalb spannend, weil Kinder viel näher an aktuellen Trends sind. Wir wollen uns natürlich nicht vor ihnen blamieren. Bei der Arbeit am Stück haben wir deshalb auch immer wieder überlegt, welche Dinge Kinder heute kennen. Bestimmte Tanzbewegungen beispielsweise kannten wir selbst überhaupt nicht. Andere Dinge, die für uns sehr präsent sind, können für Kinder schon wieder ziemlich weit weg sein. Man muss also irgendwie mit den Erfahrungswelten der Kinder mitgehen. Gleichzeitig können wir nicht versuchen, jeden einzelnen Trend abzubilden. Wir werden wahrscheinlich nie hundertprozentig den Ton treffen – und vielleicht ist das auch gar nicht nötig.

    GRIPS: Und vielleicht geht es bei einem Stück über Peinlichkeit auch darum, einmal bewusst etwas nicht perfekt zu können?

    hannsJana: Ja, genau. Wir haben über ein Spiel nachgedacht, bei dem man nicht zeigen soll, was man besonders gut kann, sondern vielleicht einmal bewusst etwas macht, was man nicht gut kann. Kinder wollen häufig zeigen: „Guck mal, ich kann Breakdance!“ Das ist toll.  Aber was passiert, wenn man einmal sagt: „Guck mal, ich kann das überhaupt nicht“ – und macht es trotzdem? Das könnte ein schöner Weg sein, den eigenen Anspruch ein bisschen zu verändern und die Angst davor abzubauen, etwas falsch zu machen. 

    Ich habe zum Beispiel einmal erzählt, dass ich sehr gerne Rollschuh fahren würde, mich aber nicht traue. Nicht, weil ich Angst habe hinzufallen, sondern weil ich Angst habe, dass andere mich auslachen. Genau diese Angst kann sehr stark sein. 

    Vielleicht hilft es manchmal, bewusst etwas zu machen, was man nicht gut kann – und festzustellen: Es kann trotzdem Spaß machen. Und vielleicht ist genau das auch eine gute Beschreibung dessen, worum es in “oh peinlich” geht: sich trauen, etwas zu machen, obwohl man nicht weiß, ob es gut wird.