Wenn Schweigen keine bewusste Entscheidung über das „Können“ oder „Nicht-Können“ von Reden ist

Im Stück „oh peinlich“ geht es um Schüchternheit, Lampenfieber und die Angst, im Mittelpunkt zu stehen. Was bedeutet „schüchtern sein“ eigentlich – und woran können Eltern, Lehrkräfte und Erzieher*innen erkennen, dass hinter dem Verhalten eines Kindes möglicherweise mehr als Schüchternheit steckt, zum Beispiel selektiver Mutismus? GRIPS-Theaterpädagogin Lama Ali hat dazu die auf Mutismus spezialisierten Patholinguistin Carolin Schröter konkret befragt:

Carolin Schröter: „Schüchternheit wird als Persönlichkeits- bzw. Temperamentsmerkmal beschrieben. Schüchterne Menschen können soziale Situationen als eher unsicher empfinden oder in Leistungs- und Interaktionsmomenten mit einer Rückzugstendenz reagieren. Sobald sich ein Maß an Sicherheit einstellt, ist es schüchternen Menschen möglich, verbal zu kommunizieren und auch zu interagieren. Sie antworten, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden, oder kommunizieren von sich aus, wenn sie sich sicher und der Situation gewachsener fühlen. 

Bei einem selektiv mutistischen Kind würde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder können nicht bewusst darüber entscheiden, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation „diktiert“, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält. Dabei besteht eine andauernde Unfähigkeit, in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Personen oder an bestimmten Orten zu sprechen, wobei in anderen Situationen eine unauffällige Sprach- und Kommunikationsfähigkeit vorliegt. Der Mutismus ist durch eine „deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert, so dass ein Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht“ (Definition nach ICD-10). Der selektive Mutismus basiert auf einer Körperblockade im Sinne einer Angstreaktion, die die Fähigkeit zu Interaktion und Kommunikation beeinträchtigt. Dabei ist oftmals ein ursächlicher Angstfaktor objektiv von außen und auch im Inneren nicht erkennbar.

GRIPS: Wie häufig kommt selektiver Mutismus in Deutschland vor, und warum wird er bei Kindern oft spät oder gar nicht erkannt?

Carolin Schröter: Mutismus gilt als seltenes Störungsbild, nach neueren Forschungsergebnissen sind im Kindergartenalter jedoch etwa 1-2 von 100 Kindern von Mutismus betroffen. Die allgemeine Auftretenshäufigkeit betrifft 1% der Kinder. Da die Störung jedoch vermeintlich häufig als Schüchternheit, oppositionelles Verhalten oder als andere Entwicklungsauffälligkeit fehlinterpretiert wird, bleibt sie oftmals unerkannt. Eine höhere Dunkelziffer ist folglich zu vermuten. (…)

Kinder mit selektivem Mutismus wollen oft sprechen, können es in bestimmten Situationen aber nicht. Was passiert in diesen Momenten im Körper und warum kann das Sprechen plötzlich blockiert sein?

Im Moment der Blockade gerät das Nervensystem in eine Art Erstarrung oder auch Freeze genannt. Unsere Amgydala – die Emotions- und Stresszentrale im Gehirn – reagiert bereits vor der eigentlichen Sprecherwartung und aktiviert einen Schutzmechanismus. Dieser ist allen Menschen gleich und kann sich in Kampf (fight), Flucht (flight) oder Erstarrung (freeze) zeigen. Ist diese Alarmzentrale einmal aktiviert, so können kognitive Funktionen wie das Planen von Handlungen, das logische Denken, die motorischen Fähigkeiten und auch die Sprache aufgrund der Übererregung nicht angesteuert werden. 

So beobachtet man bei Kindern mit selektivem Mutismus z.T. auch körperliche Erstarrung, eine blockierte/stockende Atmung, eine starre und ausdruckslose Mimik oder verkrampfte Hände. Der Blickkontakt wird unbewusst vermieden und es entsteht das Bedürfnis sich klein und unsichtbar machen zu wollen.

Die körperliche Erstarrung kann als Reaktion des Nervensystems verstanden werden, das auf ein „zu viel, zu schnell, zu plötzlich“ (Levine) verstanden werden kann. 

Ruhe und eine sichere Begleitung helfen dem Kind, die blockierte Phase zu überstehen oder auch „die Angstwelle zu reiten“. Denn auch wenn der Körper stark reagiert, ist es für die Überwindung der Unsicherheit und Ängste wichtig, durch Co-Regulation der Begleitperson zu erfahren, dass die Symptomatik abflacht und neue Handlungsoptionen entstehen können.

GRIPS: Wie können Lehrkräfte und Erzieher*innen einem Kind zeigen: „Du musst gerade nicht sprechen – du bist trotzdem dabei“? Und wie wichtig ist das?

 Bezugspersonen in Kita und Schule können eine unterstützende Begleitung für Kinder mit selektiven Mutismus sein. Besonders ist hierbei eine offene, zuversichtliche und gleichzeitig akzeptierende Haltung wertvoll. So darf das Schweigen nicht persönlich genommen werden, da das Kind keine bewusste Entscheidung über das „Können“ oder „Nicht-Können“ treffen kann. Das Kind möchte sprechen, es kann nur NOCH nicht. Diese „Noch-Nicht-Haltung“ kann von Pädagog:innen dem Kind gegenüber kommuniziert werden. So spürt es, dass Geduld und Sicherheit vorhanden ist und eine positive Zuversicht in die Veränderung besteht. Indem Sicherheit ausgestrahlt wird, lernt das Kind, dass die eigene Unsicherheit gehalten werden kann. Umso ruhiger, sicherer, zuversichtlicher und humorvoller die Begleitperson agiert, umso sicherer wird das Kind. Das Angebot von alternativen Kommunikationswegen (z.B. Skalen, digitale Hilfsmittel, schriftliche Kommunikation, Mimik, Gestik) hilft dem Kind, über diese Brücken in die verbale Kommunikation zu kommen. Wissen über den selektiven Mutismus unterstützt Pädagog:innen, gemeinsam mit dem Kind Herausforderungen zu meistern, das Schweigen halten zu können und selbst Mut zu finden, wiederholt und geduldig Kommunikationsangebote auszuprobieren. Eine unterstützende Hilfe ist stets eine Kombination aus Akzeptanz der Unsicherheit und einer gleichzeitigen Zuversicht in die Veränderungsfähigkeit. So kann ein stilles Kind nicht übersehen werden.

GRIPS: Musik spielt in unserem Stück eine große Rolle. Kann Musik Kindern helfen, sich auszudrücken, wenn ihnen das Sprechen schwerfällt? Welche anderen Möglichkeiten gibt es, sich ohne Worte auszudrücken?

Das Nervensystem kann durch Musik – durch das eigene Praktizieren, durch Bewegung/Tanz oder auch durch Musik hören – eine Regulation erfahren und Stress abbauen. So kann das Spielen eines Instrumentes, die Teilnahme am Chor oder auch die rhythmische Bewegung eine Ressource darstellen, die dem Kind hilft, zu mehr innerer Balance zu finden. Für einige Kinder kann das Singen und Musizieren auch eine Tür öffnen, um sich sicherer in der verbalen Kommunikation zu fühlen. 

Kommunikation findet statt, wenn Menschen miteinander in Kontakt treten. So dürfen alle Kanäle angeregt und genutzt werden. Zeichnen und Aufschreiben, Kopf- und/oder Augenbewegungen, Zeigegesten, Körpersprache, Summen oder Flüstern, Ankreuzen oder Skalieren … es gibt eine Vielzahl an Kommunikationsmöglichkeiten. Im Vordergrund steht die positive Unterstellung, dass das Kind sprechen und teilhaben möchte. Manchmal benötigt es Zeit (5-Sekunden warten), manchmal einen geschützten Rahmen (abgewandte Körperhaltung, etwas Sichtschutz) und manchmal eine gemeinsame Aktivität, um sich zeigen zu können. Kreativität ist gefragt!

                                                                                                                                                      

Kontakt: 
Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.
Bahnhofstraße 63a
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