Interview mit der Autorin Susanne Lipp zu NASSER #7Leben

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen dir und Nasser?

Philipp Harpain, damals designierter und nun künstlerischer Leiter des GRIPS Theaters, hatte in der Presse von Nasser gelesen. Er war damals auf der Suche nach möglichen Themen und Ideen für Jugendstücke und Nassers Geschichte hat ihn fasziniert. Da ich mich unter anderem auf biografisches Schreiben spezialisiert habe, hat er mich gefragt, ob ich mir ein solches Projekt vorstellen könnte. Dann hat er Kontakt zu Nassers damaligem Pressesprecher aufgenommen. Der Türöffner war die Tatsache, dass Nasser ein GRIPS Fan ist.

In welchem Zeitraum ist der Text von „NASSER #7Leben“ entstanden? 

Vom ersten Treffen bis zur Uraufführung waren es eindreiviertel Jahre. In den ersten Monaten haben Nasser und ich uns etwa wöchentlich getroffen. Das waren sehr intensive Gespräche. Zeitgleich habe ich zu Homophobie, Geschichte der Homoerotik im Islam, Islam und Homosexualität etc. recherchiert. Die reine Schreibphase des Stücks war dann vor allem im Herbst/Winter 2016. Im Inszenierungsprozess ist der Text dann nochmal überarbeitet worden.

Wie geht man dann mit dem Material um?  Hattest du eine bestimmte Vorgehensweise?

Nach dem Sammeln des Materials stand erstmal die Sichtung und Auswahl im Vordergrund. Nassers Leben ist ja viel umfangreicher als der Ausschnitt, der in einem Theaterstück erzählt werden kann. Deshalb war die wesentliche Frage, was wir genau erzählen wollen, welchen Zeitabschnitt wir in den Fokus nehmen und wie die Geschichte erzählt werden soll. Ich habe mehrere unterschiedliche dramaturgische Aufbauszenarien entworfen und zusammen mit der Dramaturgie des GRIPS eine davon ausgewählt und modifiziert. Während des Schreibens habe ich mich dann wieder häufiger mit Nasser zusammengesetzt, zum einen, weil manche Fragen sich erst im Schreibprozess ergaben, zum anderen, um ihm im Prozess mitzunehmen und sicherzustellen, dass das, woran ich da grade arbeite, auch für ihn passt.

Wie war eure erste Begegnung? Wie hat sich euer Verhältnis bis heute verändert?

Das erste Treffen war entscheidend dafür, ob das Projekt überhaupt stattfinden kann. Nasser war im Frühjahr 2015 mit seiner Geschichte sehr präsent in den unterschiedlichen Medien. Er hatte damals viele Anfragen aus allen möglichen Ecken zu seiner Geschichte, für Belletristik, Film und auch Theater. Dass er sich überhaupt mit uns getroffen hat, lag daran, dass er als Kind häufiger im GRIPS Theater war und die Stücke liebte. Seine eigene Lebensgeschichte in die Hände von Leuten zu legen, die damit künstlerisch umgehen wollen, erfordert viel Vertrauen. Nasser hat uns und speziell mir einen großen Vertrauensvorschuss gegeben. Bei uns beiden hat von Anfang an die Chemie gestimmt, was meiner Meinung nach für ein solches biografisches Projekt absolut notwendige Grundvorraussetzung ist.

Bei unseren ersten Interview-Treffen war ich noch sehr vorsichtig mit meinen Nachfragen, habe nicht zu sehr in Richtung Emotionen gebohrt. Später habe ich dann häufiger nachgefragt, ob ich bestimmte Fragen stellen darf, die weiter gehen als das Abfragen von „hard facts“. Ich durfte immer. In den ersten Wochen war ich auch noch sehr auf eine „professionelle Distanz“ bedacht, das heißt, ich habe eigentlich kaum was von mir erzählt, war insgesamt eher zurückhaltend. Zunehmend habe ich aber gemerkt, das geht so nicht für mich. Da erzählt mir jemand total offen seine Geschichte, seine Gefühle, Ängste, Hoffnungen – so etwas funktioniert nicht als Einbahnstraße. Ab dem Moment, wo ich Nasser nicht mehr nur in der Rolle der interviewenden Autorin begegnet bin, sondern auch als Privatperson, ist unser Verhältnis auch deutlich persönlicher geworden. Heute sind wir befreundet, unternehmen auch jenseits von Terminen rund um das Theaterstück etwas zusammen.

Inwiefern war Nasser an der Entstehung des Textes beteiligt? 

Mir war sehr wichtig, dass bei Nasser nicht das Gefühl aufkommt, da findet etwas mit seiner persönlichen Geschichte statt, das an ihm vorbei geht, auf das er keinen Einfluss hat. Deshalb hat er von mir regelmässig Arbeitsstände des Textes bekommen, wir haben uns getroffen und darüber diskutiert. Er hat mir dabei viele wertvolle Hinweise gegeben, Ideen entwickelt und in manchen Szenen hat er die Richtung, wie diese erzählt werden, maßgeblich mitgeprägt. Bevor der Text für die Proben freigegeben wurde, hat es eine „Endabnahme“ durch ihn gegeben, bei der wir nochmal sehr kleinteilig das gesamte Script beleuchtet und verbessert haben.

Nassers Geschichte ist eine real existierende. Inwiefern hast Du Teile dazu erfunden und warum?

Also zunächst habe ich eher verkürzt und zusammengefasst, um dem Format Theaterstück gerecht zu werden. Da sind Zeitlichkeiten kompakter als im echten Leben geschehen, aus drei echten Onkeln wurde einer im Stück. Im Theaterstück ist Nasser ein Youtuber, der über seinen Kanal seine Geschichte postet. Im echten Leben ist Nasser zwar auf Facebook und Instagram aktiv, aber nicht auf YouTube. Wir brauchten ein Grundsetting und eine Ebene, von der aus Nasser im Rückblick die Geschehnisse erzählen kann, wo aber auch Platz für seine Gedanken, Gefühle, Ängste und Hoffnungen ist. Gleichzeitig war klar, dass neue Medien und soziale Netzwerke eine wichtige Rolle spielen müssen, da sie es in seinem echten Leben auch tun.

Gab es während der Interviews ganz besondere Momente, an die du dich erinnerst? 

Davon gab es einige. Besonders erinnere ich mich aber an einen Tag in der Anfangszeit, es muss das zweite oder dritte Treffen gewesen sein. Bis dahin hat Nasser auf die Fragen fast druckreif geantwortet. Es war deutlich zu spüren, dass er viel Erfahrung mit Interviews, Kameras und fragenden Journalisten hat. Und dann kam der Moment, wo er auf einmal richtig ins Erzählen kam, seine Antworten intimer und emotionaler wurden und ich dachte: „Jetzt sitzt hier der echte Nasser.“

Genau wie ich hat er anfangs eine Distanz gewahrt und es war sehr wertvoll für unsere Gespräche, dass wir alle beide ab einem bestimmten Punkt unsere „professionellen Masken“ fallen lassen konnten und uns sehr offen und ehrlich begegnet sind.

Gibt es Themen in Nassers Geschichte, die du aus deinem eigenen Leben kennst?

Auch wenn mein Leben von den Eckdaten her sicher komplett anders ist, kenne ich natürlich die ganze „Coming of Age“-Thematik aus meiner eigenen Pubertät. Das Anzweifeln von Autoritäten und den Werten der älteren Generation; das Ringen um die eigene Identität; ständige Kämpfe darum, wann du zuhause zu sein hast; bei allem Wunsch nach Autonomie und danach, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, aber noch das Kind in sich tragen, das eigentlich nur in Mamas Arm will – ich glaube, das sind recht universelle Motive, die wir alle mehr oder weniger ausgeprägt in einem bestimmten Lebensabschnitt durchleben.

Welche Rolle spielt Religion in deinem Stücktext?

Religion spielt tatsächlich weniger stark eine Rolle, als man erstmal annehmen könnte. Ich glaube, dass Intoleranz und Diskriminierungen, die mit Religion begründet werden, letztlich auf den Ideologien beruhen, die Religionsinstitutionen verbreiten, und weniger mit der Religion selbst oder gar der Spiritualität von Menschen zu tun haben. Solche Ideologien sind auch nicht zwingend an Religionen gekoppelt. Immer dann, wenn versucht wird, Menschen mit einem geschlossenen Weltbild zu gängeln und zur Ausgrenzung derer, die anders sind, anzuhalten, greift der gleiche Mechanismus. In Nassers Geschichte steckt eine sehr konservative Auslegung des Islam, der seine Eltern folgen, dahinter. Mir war wichtig klarzumachen, dass des nicht DEN Islam gibt und der islamische Glaube nicht per se mit Homophobie einhergeht. Ich hoffe, das ist gelungen, auch wenn Religion als Thema nicht so sehr im Fokus steht.

Fällt es dir als Autorin schwer, den fertigen Text abzugeben? 

Ja und Nein. Bei Theatertexten, die nicht selbst inszeniert werden, ist es sehr wichtig, den Text abzugeben und der Regie die Möglichkeit zu geben, sich den Text anzueignen und nach eigenem Gutdünken umzusetzen. Trotzdem ist das für eine*n Autor*in natürlich ein Ablöseprozess. Wenn mensch sich über Wochen und Monate mit einem Thema, den Figuren und Szenen eines Stücks intensiv beschäftigt hat, ist das Script dann schon das eigene Baby. Und wie bei einem echten Kind braucht es Vertrauen, dieses abzugeben. Mir hat es sehr geholfen, in einer bestimmten Phase der Inszenierung etwas häufiger die Proben zu besuchen und zu sehen, wie und woran da gearbeitet wird. Die Regisseurin Maria Lilith Umbach ist sehr respektvoll mit meinem Text umgegangen, war zunächst eher vorsichtig mit Änderungen. Das hat es mir leichter gemacht, zu sagen „Macht mal“ und loszulassen. Wir sind die ganze Zeit im Austausch geblieben und ich wusste, ich habe jederzeit die Möglichkeit zu kommunizieren, wenn mir z.B. eine Streichung gar nicht passt. Aber es ist halt wichtig, der Regie die Freiheit zu geben, kreativ mit dem Text umzugehen. Klar, es gibt in der Endfassung einiges nicht mehr, um das es mir ein bisschen leid tut. Aber das gehört dazu – wenn ich die Göttin meines Textes sein will, muss ich Prosa schreiben und keine Theatertexte.

Susanne Lipp ist Theaterpädagogin, Sozialpädagogin, Musikerin, und als Autorin hat sie sich an der Alice Salomon Hochschule Berlin für Biografisches Schreiben spezialisiert. Mit der Inszenierung ihres Theaterstücks „S.O.S. for Human Rights” über das Schicksal von Geflüchteten war das GRIPS Theater bereits 2010 – 2012 auf Tour in ganz Deutschland sowie zu Gastspielen in Österreich (Publikumspreis vom Festival Spektrum/Villach) und Belgien. Mit „NASSER #7Leben“ und „Cheer out loud“ hat sie weitere Stücke für das GRIPS geschrieben.

Das Interview führte Tobias Diekmann (Dramaturgie) im Februar 2017.