Von der Kraft, seinen Weg zu gehen

Der LGBTTIQA*-Aktivist Nasser El-Ahmad im Gespräch

 

GRIPS:       Wenn man dich heute erlebt, bist du jemand, der einen mit seiner Lebensfreude ansteckt! Manch einer wäre an der Tragödie, die du überlebt hast, zerbrochen. Wo nimmst du deine Lebensfreude her?

Nasser:    Ich blicke nie wirklich in die Vergangenheit zurück. Ich bin ganz in der Gegenwart, sehe in die Zukunft, immer geradeaus. Mich hält meine Community, das ist meine Familie. Die echten Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, die kann man sich nicht aussuchen. Aber man kann sich eine neue Familie suchen, für mich ist das die LGBTTIQA*-Community, die Freunde, mein Betreuer, die ehemaligen WG-Bewohner. Diese Kraft und diese Stärke, die ich nach allem, was mir angetan wurde, von der Community bekommen habe, die hat mich zu einem Kämpfer gemacht und lässt mich geradeaus schauen. Wichtig ist die Gegenwart, meine  Ausbildung, die ich gerade mache, zu spüren, wie ich erwachsen werde. Das gibt mir Energie. Ich schaue nicht mehr zurück.

GRIPS:     Hattest du die Flucht vor deinen Eltern schon lange geplant oder bist du aus einem Überlebensinstinkt heraus geflohen? Du warst ja erst 15, ein Alter, in dem man seine Familie noch braucht. 

Nasser:    Als mein Vater herausbekommen hat, dass ich schwul bin, musste ich mich innerhalb von Sekunden entscheiden, ob ich abhaue und mich auf ein Leben einstelle, von dem ich noch nicht weiß, wie es verläuft, das mir aber Sicherheit garantiert. Oder ob ich zuhause bleibe und dem Tod ins Gesicht blicke. Ganz einfach. Es gab keine Wahl. Mir war mein Leben wichtig. Ich habe innerhalb kürzester Zeit die mir wichtigsten Dinge zusammen gepackt, habe meine Geschwister kurz in den Arm genommen, eine Träne vergossen, und bin abgehauen. Und ehe ich mich versah, hat mein neues Leben begonnen. 

GRIPS:     Fühlst du dich eigentlich noch immer von deiner Familie bedroht?

Nasser:    Nee, das nicht. Ich fühle mich im Moment sicher wie kein anderer. Auch Bezirke wie Neukölln oder Kreuzberg, die ich lange Zeit gemieden habe, besuche ich jetzt wieder, weil ich denke: Ich muss mich doch nicht verstecken, hier, in meiner Stadt, wo ich lebe, wo ich mich sicher fühle und wo ich einfach so leben will, wie ich bin. Ich bin nun einmal so, und wenn jemand damit nicht zurecht kommt, wieso soll ich mich verstecken? Wenn Berlin nicht offen für jeden ist, wo in Deutschland sollte es denn besser sein? Nee, ich bin nicht der Mensch, der sich versteckt.

GRIPS:     Du sagst ja, du hattest eine schöne Kindheit, und bist unglaublich verwöhnt worden, auch von deinem Vater. Würdest du sagen, dass du geliebt worden bist?

Nasser:    Ja, auf jeden Fall, nicht nur als Kind! Und ich selbst liebe ja auch meine Eltern wie verrückt, egal, was sie mir angetan haben. Das sind einfach meine Eltern, die ich nie im Leben hassen werde, nie im Leben. Selbst bis zu diesem Moment, als ich vor ihnen geflüchtet bin, haben meine Eltern alles getan, was in ihrer Macht stand, um mir ein schönes Leben zu geben. Auf ihre Art und Weise eben. Selbst, wenn es für mich nicht die richtige Art und Weise gewesen ist. 

GRIPS:     Hast du eigentlich für dich die Freiheit gewonnen, die du dir erhofft hast?

Nasser:    Darauf kann ich einfach nur mit „Ja“ antworten!

GRIPS:     „Wie eine verletzte Katze lecke ich meine Wunden“ ist ein Satz in einer wirklich sehr berührenden Szene im Theaterstück. Trotz aller Liebe, die du noch für deine Eltern empfinden kannst: In diesem Satz steckt ganz viel Schmerz, wie hältst du denn die Enttäuschung, den Verlust deiner Familie aus? 

Nasser:    Letzten Endes sage ich einfach: Die Wunden, die Narben bleiben immer, die können nie verheilen, die sollen auch als Erinnerung dienen. Die Narben kann man hin und wieder betrachten, die Augen zu machen und sich kurz daran erinnern, wie damals die Wunden entstanden sind, dann macht man die Augen wieder auf und sieht: „Hey, ich lebe gerade ein Leben, was mehr als herrlich ist.“ Ich sehe mich jetzt, wie ich stabil auf zwei Beinen im Leben stehe! Ich kann mich da gar nicht beschweren. Weswegen sollte ich die Narben bereuen. Schön sind sie nicht,  aber ich kann da auch ein T-Shirt drüber ziehen, und mir denken: „Das Leben ist doch fantastisch, einfach nur ein Lächeln ins Gesicht und schon geht’s weiter!“

GRIPS:     Im Stück zeigt ihr auch die Hasskommentare, mit denen du zugespamt worden bist. Wie gehst du denn mit diesem unfassbaren Hass um?

Nasser:    Dankeschön, den Satz wollte ich noch hören! Ich habe einfach von allem Screenshots gemacht und an die Polizei weitergeleitet, ganz einfach, die kümmern sich darum. Da bin ich total selbstsicher, dafür ist mir meine Zeit einfach zu kostbar, mich damit zu befassen. Außerdem gibt es ja auch wirklich viele positive Kommentare. 

GRIPS:     Haben sich auch muslimischen Schwule oder Lesben bei dir gemeldet, die gesagt haben, dass sie Rat von dir wollten?

Nasser:    Viele, viele, sehr viele. Auch aus dem Ausland, Männer, die mich angeschrieben und um Rat gefragt haben. Ich rate ihnen dann immer, dass sie sich nicht zuerst in ihrer Familie outen sollten. Denn, selbst wenn meine Eltern extrem sind, und das wirklich auch als Einzelfall zu betrachten ist, man weiß dennoch nicht, wie die Eltern reagieren werden. Ich rate: Outet euch wirklich zuerst bei jemandem, der überhaupt nichts mit eurer Familie zu tun hat und dem ihr vertraut. Bei mir war das meine Biologielehrerin, als wir das Thema Sexualität durchgenommen hatten, da habe ich mich bei ihr geoutet. In dem Moment habe ich mich so frei gefühlt wie noch nie, weil ich das ja schon jahrelang mit mir herumgetragen habe. 

GRIPS:     Du rätst also: Suche dir zunächst eine neutrale Person, die nichts mit deinem Umfeld und deiner Familie zu tun hat. Und bau dir dann ein Netzwerk auf, das dich auffängt, wenn deine Eltern schlecht reagieren werden. Du hast ja in den Sozialen Medien deine eigene Community und Freunde gefunden, die dich gestärkt haben. 

Nasser:    Genau. Wichtig ist, dass man sich wirklich erst einmal so ein Umfeld schafft, mit dem man eigentlich privat gar nichts zu tun hat, das einfach total unabhängig ist, dass man sich erstmal mit einem Doppelleben ausprobiert. Ich habe ja auch vier Jahr so gelebt, bis ich endlich zeigen konnte: Das bin ich, das ist mein wahres Gesicht! Damit habe ich zwar das andere Leben verloren, das mit meiner Familie, aber gleichzeitig habe ich ein neues Leben gewonnen, nämlich meines, das ich so leben kann, wie ich bin.

GRIPS:     Du bist nach wie vor gläubiger Moslem und sagst das auch immer, wieso ist das so?

Nasser:    Weil es für mich ganz normal ist, dass ich Moslem und schwul bin, wieso sollte ich das nicht mehr sein? So, wie meine Eltern den Islam ausleben, muss es nicht sein. Mir ist wichtig, Jugendlichen zu zeigen, was mit dieser Religion alles möglich ist. Vielleicht mache ich damit anderen Jugendlichen, speziell auch muslimischen, Mut, dass sie sich trauen, auszubrechen aus starren Regeln, zu sich zu stehen und ihren Weg zu gehen, wenn sie sehen, man muss nicht mit dem Glauben brechen, nur weil man anders ist. Oder weil man ein eigenständiges Leben wünscht. 

                      Ich gehe ja auch in Schulen, veranstalte Workshops oder Projekttage, und merke da, wie dankbar die Jugendlichen meiner Generation dafür sind, dass ich beides zusammen bekomme. Dass sie sehen, nur weil man anders ist, muss man nicht seinem Glauben abschwören. Bei den Gesprächen in Schulen versuche ich deutlich zu machen, was es heißt, herabgesetzt zu werden, denn in der Regel schlägt mir ja, sobald ich ein Klassenzimmer betrete, gleich sowas wie „Schwuchtel“ entgegen. Ich verschaffe mir dann ziemlich schnell Respekt und Gehör und frage ganz direkt: „Wisst ihr überhaupt, was Schwuchtel bedeutet? Außer, dass es ein Schimpfwort ist?“. Der nächste Schritt ist die Frage: „Wisst ihr eigentlich, das Schwulsein ganz einfach nur Liebe bedeutet? Zwischen zwei Männer. Eine Liebe zwischen zwei gleichen Menschen. Ganz einfach.“ Wenn dann so Kommentare kommen wie „Du hast doch selbst entschieden, schwul zu sein, Schwanz zu lutschen und sowas…“, dann sage ich: „Gab es irgendwann in deinem Leben einen Moment, in dem du dich entschieden hast, auf Mädchen zu stehen? Wann hast du entschieden, heterosexuell zu sein? Denkst du, ich habe entschieden, homosexuell zu sein? Habe ich nicht. Das ist doch keine Entscheidung, das spürst du einfach, spätestens wenn du in die Pubertät kommst. Du bist das doch schon längst im Bauch deiner Mutter. Und auch deine Mutter hat eine Liebe, für die sie sich nicht bewusst entscheidet, sondern als Mutter liebst du doch einfach dein Kind, egal, wie oder was es ist. Und genau so ist, dass du nicht anders kannst, wenn du hetero- oder homosexuell bist, dann wirst du entsprechend lieben. Also, was soll das dann alles mit Schwuchtel und so!“

GRIPS:     Was erhoffst du dir von unserem Stück?

Nasser:    Wirklich die Jugendlichen meiner Generation zu erreichen. Dass die sich ein Beispiel daran nehmen, dass man seinen Weg gehen kann, dass in einem die Kraft steckt, selbst wenn man wirklich ganz unten angekommen ist. Dass es wichtig ist, zu sich zu stehen. Sie sehen es ja im Stück, das ja nach einer wahren Geschichte ist, dass das geht. Auch, dass ich ein lebensfroher Mann geworden bin, der ganz eigenständig auf eigenen Beinen steht. Ich will vermitteln, dass das geht, dazu muss man gar nicht so weit unten ankommen, wie ich das erlebt habe. Dass dieser junge Mann, der die Hölle erlebt hat, sein Leben heute liebt.

Die Fragen stellte Anja Kraus (GRIPS Theater | Öffentlichkeits- und Pressearbeit, Social Media)