Welche Rolle spielen Großeltern in unserem Leben?

BEITRAG FÜR KINDER Heute, Maryam: Meine Oma wurde 1935 geboren.

Mit Anfang 20 ist mein Vater aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Er ist der Einzige seiner fünf Geschwister, der nicht mehr im Iran lebt.

Als ich Anfang 2000 auf die Welt gekommen bin, lebte nur noch meine Oma, die Mutter meines Vaters. Als ich fünf Jahre alt war, bin ich das erste Mal mit meinem Vater in den Iran gereist, und habe meine Oma kennengelernt. Das war damals natürlich ein großer Unterschied zu den meisten Kindern, die ich kannte.

Viele meiner Freunde hatten Großeltern in Deutschland. Selbstverständlich kamen viele Eltern und auch Großeltern meiner Mitschüler*innen aus dem Ausland. Sie haben andere Sprachen gesprochen oder andere Feste gefeiert. In den meisten Fällen sind die Familien aber samt Großeltern nach Deutschland gekommen.

Im Stuhlkreis haben meine Mitschüler*innen oft erzählt, dass sie über Weihnachten zu Oma und Opa fahren. Meine beste Freundin isst jeden Dienstag bei ihrer Oma zu Mittag, die direkt bei ihr um die Ecke wohnt. Zu unserer Abiturzeugnis-Verleihung sind die Großeltern meines Freundes extra aus Bayern angereist, um dabei zu sein. Das mag für die meisten normal sein.

Solche Erfahrungen habe ich mit meiner Oma nie gemacht und vor allem als Kind war es manchmal schwer zu verstehen, dass ich eben keine Oma habe, so wie man sie sich halt vorstellt.

Auch die Kommunikation mit meiner Oma war immer ganz anders. Ich spreche kein fließendes Persisch und meine Oma spricht mehr eine Mischung aus Persisch und Türkisch, was die Verständigung manchmal schwer macht. Und trotzdem verbinde ich ein starkes Gefühl von Heimat mit meiner Oma.

Mir wird oft gesagt, wie ähnlich ich ihr mit meinen hellbraunen Locken und den grünen Augen bin. Das empfinde ich als großes Kompliment, denn oft falle ich durch mein nicht typisch iranisches Aussehen im Iran aus der Reihe. Bei solchen Bemerkungen zwinkert meine Oma mir dann immer zu und ich fühle mich mit ihr verbunden.

Meine Oma ist 1935 in einer kleinen iranischen Stadt an der Grenze zur Türkei geboren und hat sechs Kinder zur Welt gebracht.

Seit ich meine Oma erlebe, ist sie eine typische iranische Hausfrau. Immer in der Küche am Herd und immer eine blitzsaubere Wohnung. Die Familie steht für sie an erster Stelle. Überall hängen Fotos von ihren Kindern und Enkelkindern. Und sie hat Unmengen von Fotoalben.

Sie ist auch eine gläubige Frau. Mehrmals am Tag betet sie und geht wöchentlich in die Moschee.

Meine Oma hat eine Wohnung in der Innenstadt von Teheran. Der Boden ist mit Perserteppichen bedeckt. Sie hat ein großes Wohnzimmer mit vielen schicken Sofas und Sesseln und vielen kleinen Beistelltischen. Über die Sofas sind große Tücher gelegt, die nur abgenommen werden, wenn Besuch kommt.

Im Iran leben oft viele Familienmitglieder in einer Wohnung, so dass Betten den ganzen Platz einnehmen würden. Deshalb gibt es immer einen großen Wandschrank, in dem viele Matratzen und Decken aufbewahrt werden. Diese werden abends ausgebreitet und morgens wieder eingeräumt. In diesem Schrank habe ich mich dann beim Spielen oft versteckt oder mit meinen Kusinen rumgetobt.

Das Zuhause meiner Oma ist der Ort, wo meine Familie am meisten zusammen kommt. Dann breitet sie eine lange Tischdecke auf dem Boden aus, an dem die ganze Familie Platz findet, und serviert das Essen, das sie den ganzen Tag vorbereitet hat.

Eine schöne Erinnerung an meine Oma ist jedes Mal der Abschied aus dem Iran. Das nimmt sie sehr ernst. Wir beten zusammen, und wenn unser Taxi zum Flughafen abfährt, schüttet sie ihm Wasser hinterher, als Symbol für eine gute Reise.

Meine Oma ist jetzt 85 Jahre alt. Und wenn die Familie, wie so oft, in ihrem Wohnzimmer zusammen sitzt und sie umgeben ist von ihren Kindern und Enkelkindern, wirkt sie stolz, glücklich und zufrieden. Auf diese Art ist sie also genau so eine Oma, wie man sie sich vorstellt. Nur eben am anderen Ende der Welt.