Rita Prigmore – Überlebende, Sintizza, Aktivistin

Ausgehend von Rita Prigmores Lebensgeschichte hat das ROM*NJA POWER THEATERKOLLEKTIV das Tanztheaterstück „ROM’NJA CITY – Stadt freier Menschen“ entwickelt

Rita Prigmore ist 1943 in Würzburg geboren und eine Überlebende des NS-Genozids gegen Sinti und Roma. Als Baby erlitt sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester die medizinischen Experimente des „Arztes“ Werner Heyde, der unter Josef Mengeles Aufsicht medizinische Experimente an Kindern von Sinti und Roma durchführte. Rita Prigmore hat ihre Geschichte an vielen Orten und zu vielen Gelegenheiten erzählt, um in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Verfolgung von Sinti und Roma während der NS-Zeit zu schaffen. Außerdem ist es ihr wichtig, auch die gegenwärtige Situation der Roma Communities anzusprechen, die immer noch gegen vielfältige Formen der Diskriminierung und des Rassismus kämpfen müssen.

Rita Prigmore selbst über ihre Lebensgeschichte:

»Mein Name ist Rita Prigmore, ich bin eine Zigeunerin aus Würzburg und eine Überlebende des Holocaust. Meine Familie war vor dem zweiten Weltkrieg sehr gut in das Leben Würzburgs integriert. Meine Mutter trat am Stadttheater auf, mein Großvater war Korbmacher, hatte Ländereien und war in der Korbmacherinnung. Als die ersten Würzburger Juden in die Lager deportiert wurden, war meine Mutter 20 Jahre alt. 1936 begann man Sinti und Roma zu erfassen. 1938 registrierte man meine Familie als Zigeuner. Sie wurden von Lohr am Main nach Würzburg überstellt und in eine 1 1⁄2 Zimmer Wohnung gebracht. Es waren mein

Und hier möchte ich meine Geschichte erzählen: Um das Leben zu retten, unterschrieb auch meine Mutter für die Sterilisation. Dr. Heyde von der Frauenklinik führte bei meiner Mutter im August 1942 die Untersuchungen durch und stellte fest, dass sie schwanger war. Man plante den Schwangerschaftsabbruch. Bei der Untersuchung stellte man dann fest, dass sie mit Zwillingen schwanger war, es waren meine Zwillingsschwester Rolanda und ich. Meine Mutter wurde der Gestapo übergeben. Sie sollte uns zu medizinischen Versuchszwecken der Uniklinik zur Verfügung stellen. Das war die Bedingung, dass sie uns zur Welt bringen durfte. Sie unterschrieb, sonst wäre sie sofort nach Auschwitz gekommen.

Meine Schwester Rolanda und ich wurden am 3. März 1943 geboren. Meine Mutter erzählte mir, dass vier Ärzte mit Uniformen anwesend waren, sie nahmen ihr die Kinder gleich weg. Nach zwei Wochen ging meine Mutter in die Klinik, um uns zu sehen. Sie hielt es nicht länger aus. Eine Schwester zeigte ihr nur die eine Tochter: Rita, mich. Meine Mutter rief: „Wo ist mein zweites Kind“ und die Schwester führte sie in einen anderen Raum. Da lag Rolanda, mit einem Verband um den Kopf, sie war tot.“ Auch ich hatte ein Pflaster um den Kopf. Meine Mutter rannte mit mir aus der Klinik und flüchtete sich in die St. Rita Kapelle in Würzburg. Dort ließ sie mich Nottaufen auf den Namen Rita. Sie ging mit mir nach Hause, dort wartete schon die SS. Ein Jahr wusste meine Mutter nicht, wo ich war, dann kam ein Brief vom Roten Kreuz, dass mich meine Mutter abholen könnte. Das war im Jahr 1944.

Ich wusste lange Zeit nicht, dass an mir medizinische Versuche gemacht worden waren, um meine Augenfarbe zu ändern, wie es die Idee von Dr. Mengele war, der eine neue Menschrasse blond und blauäugig züchten wollte. Meine Mutter wollte mich schonen. Ich fiel oft in Ohnmacht. Ich ging nur drei Jahre in die Schule, da ich sehr kränklich war. Ich wurde wegen körperlicher Gebrechen von der Schulpflicht befreit.
Von Februar bis Ende 1943 wurden 18.736 Sinti und Roma aus dem deutschen Reich und den besetzten Gebieten nach Birkenau gebracht und registriert, insgesamt befanden sich ca. 23.000 Zigeuner im Lager Auschwitz – Birkenau. Man nimmt an, dass insgesamt zirka 500.000 Sinti und Roma im Dritten Reich umgebracht wurden.

Liebe Freunde, seit einigen Monaten reise ich zusammen mit der Gemeinschaft Sant’Egidio durch Europa, um Jugendlichen meine Geschichte zu erzählen und ihnen zu sagen: Ihr seid nicht für das verantwortlich, was geschehen ist, aber ihr seid verantwortlich, dass es nicht wieder passiert. Deshalb bitte ich Sie alle: Respektiert das Leben, jedes Leben, auch das Schwächste und schreitet ein, wenn ihr merkt, dass Menschen wegen ihrer Rasse, ihrer Hautfarbe, ihres Alters, ihrer Herkunft missachtet werden. Der Rassismus beginnt im Kleinen, im Alltag, schleichend. Ich bitte euch, das Erbe der nachfolgenden Generation auf euch zu nehmen, und dafür zu sorgen, dass jeder Menschen in dieser Stadt in Würde leben kann.

Schaut euch die Menschen an, ohne Vorurteile, seht ihnen in die Augen und erkennt in jedem einzelnen, dass er ein Mensch ist, egal welche Hautfarbe er hat, ob er behindert ist, ob er fremd ist. Nur das Herz zählt, nur das Herz eines Menschen ist wichtig. Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Vergesst das nie, deshalb darf nie jemand über einen anderen Menschen urteilen. Vielen Dank.“

Erst nach Kriegsende und erst nach der Emigration in die USA konnte Rita Prigmore rekonstruieren, was mit ihr geschehen war. Über Jahrzehnte kämpften ihre Mutter und sie für eine Wiedergutmachung als Opfer des Nationalsozialismus. 1987 wurde Rita Prigmore nach einem aufwändigen fünfjährigen Verfahren eine Geldsumme und eine kleine Rente zugestanden. Als ihre Mutter 2004 starb, führte Rita Prigmore die politische Arbeit weiter fort und verbreitet seitdem weltweit ihre Geschichte. So sind ihre Erlebnisse und die ihrer Mutter im Holocaust Memorial In Washington archiviert. Mit Unterstützung der katholischen Gemeinschaft Sant ‘Egidio hält sie Vorträge in ganz Europa über die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma. Sie lebt – nach Jahren in den USA – wieder in ihrer Heimatstadt Würzburg.

Wir empfehlen diese zwei Dokumentationen über Rita Prigmore:
Dokumentation „Zeugin der Zeit“ für BR Alpha
Dokumentation in der Reihe „Lebenslinien“ (Bayerischer Rundfunk)

Das ROM’NJA POWER Theaterkollektiv greift in seinem neuen Stück „ROM*NJA CITY – Stadt freier Menschen“ Rita Prigmores Lebensgeschichte auf und geht über in eine Suchbewegung nach einer utopischen, feministischen Stadt. Es ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit, aber auch ein Blick in eine bessere Zukunft. Mehr: Blogbeitrag zum ROM’NJA POWER THEATERKOLLEKTIV

„Die 600 Jahre alte Geschichte der Rom*nja und Sinti*zzi wurde im dritten Reich nahezu bis zum heutigen Tage unkommentiert ausgelöscht. Uns ist es wichtig, unsere Geschichte erzählen zu dürfen, die Ermordeten und Verfolgten zu mahnen und gleichzeitig die Narrative über Rom*nja und Sinti*zzi nicht auf Leid, Verfolgung und Unterdrückung zu reduzieren.“

(aus dem Dossier von ROM’NJA POWER Theaterkollektiv zum Stück)