Laudationes Berliner Kindertheaterpreis 2023

Lara Schützsack hat mit ihrem Stück „Woche – Woche“ den diesjährigen Berliner Kindertheaterpreis gewonnen. Den Förderpreis erhielt Marie Hüttner für ihr Kinderstück „Ertappt“. 
Bei der Preisverleihung am 25. April 2023 im GRIPS Theater hielten die Filmdramaturgin Nicole Kellerhals und die Kulturjournalistin Barbara Behrendt die Laudationes, hier zum Nachlesen:

Laudatio für die Preisträgerin Lara Schützsack und ihr Kinderstück „Woche – Woche
von Nicole Kellerhals

es gilt das gesprochene Wort vom 25.04.2023
„Am Anfang war „Vater, Mutter, Kind“, dann kamen „Stiefmutter“, „Bonus-Schwester“ und „Bonus-Bruder“ dazu. Jeden Sonntag um 16:00 Uhr wechselt der 7jährige Nunu die Familie – von ‚allein mit Mama‘ zu ‚zu Fünft mit Papa‘. Jeden Sonntag gibt es Streit, weil entweder Papa zu spät kommt oder Nunu nicht richtig angezogen ist. Ist Nunu bei Papa, vermisst er Mama und ist er bei Mama, fehlen ihm die Spiele mit den Geschwistern. Erst als er Yella kennenlernt, die immer allein oben auf der Kletterspinne auf dem Spielplatz sitzt, lernt Nunu, dass man auch mal wütend sein darf wie speiende Lava und seinen Eltern die Meinung sagen, wenn sie wegen Unsinn streiten. Als Yella auf die Idee kommt, dass man mit den Bonus-Geschwistern ja auch in der ‚Mama‘-Woche spielen kann, schafft es Nunu, beide Familien zu versöhnen. Jetzt freut sich Nunu darauf, zum ersten Mal mit allen zusammen an der Kletterspinne seinen achten Geburtstag zu feiern.

„Woche – Woche“ erzählt aus Kinderperspektive, wie anstrengend es ist, wenn man jede Woche seinen Ranzen packen, die doppelten Schlüssel nicht vergessen darf, aber sich vor allem jedes Mal wieder neu in der eigenen Familie einfügen muss. Einfühlsam, lustig und mit einem fast sterbenden Fisch schildert Lara Schützsack das Gelingen vom Zusammenwachsen einer „Patchworkfamilie“, in denen Kinder oft aushalten müssen, was Eltern bestimmen. Nunu will es allen Recht machen und wird selbst immer ratloser. Hier sind es die Kinder, die erkennen, was sie brauchen, sie durchbrechen Regeln und helfen sich und den Eltern, die Konflikte zu heilen. Der Spielplatz als Ort des Reifeprozesses ist Sinnbild und Spielort zugleich, auf seiner Bühne entfaltet sich die Phantasie und der Zusammenhalt von Kindern und Eltern. 

Lara Schützsacks herausragendes Theaterstück hat die Jury in jeder Hinsicht überzeugt, denn sie kreiert eindrucksvoll lebensnahe und einzigartige Figuren, mit einer kindgerechten Sprache, die trotzdem Raum für Inszenierung und Spielfreude lässt. Sie erzählt ein relevantes Thema witzig und emotional, das uns Erwachsenen den Spiegel vorhält und gleichzeitig Kindern Mut macht, auch mal wütend zu sein und sich gegen die Eltern zu stellen – denn man wird trotzdem von ihnen geliebt. 

Die Jury verleiht Lara Schützsack den 1. Preis für ihr Stück „Woche – Woche“. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis, auf dass er Woche für Woche wochenlang gespielt werde!

Laudatio für Preisträgerin des Förderpreises 2023 Marie Hüttner und ihr Kinderstück „Ertappt“
von Barbara Behrendt

es gilt das gesprochene Wort
„Altersarmut – das ist ja ein typisches Grips-Thema: unsexy, aber wichtig. Nur: Wie interessiert man die Jungen für die Existenzsorgen der Alten, bevor sie selber alt sind? Dieses Kunststück führt Marie Hüttner bravourös vor, quasi im Sprung durch den brennenden Reifen. Denn: „Ertappt“ ist eine lustige, rasante, spannende Kriminal-Komödie, die das Thema geschickt durch die Hintertür einschleust. 
Wie einen Dieb. Und diesen Dieb möchten Maja, Kiki und Paul unbedingt schnappen. Wegen der Gerechtigkeit, klar, aber auch, weil Maja und Kiki mit ihrem Artikel über den gelösten Kriminalfall in der Schülerzeitung groß raus kommen wollen. Beginn des Abenteuers: Im Späti von Kikis Mutter, wo im Regal ständig Produkte fehlen. Und zwar immer die Sonderangebote. So als wäre es ein netter Dieb, der kein Geld hat und wenig Schaden anrichten will. 
Wer aus den 33 Wohnungen im Block zählt zu den Hauptverdächtigen? Majas Oma jedenfalls nicht, die muss ja reich sein – schließlich war sie mal eine berühmte Sängerin, hat sogar eine goldene Schallplatte zuhause und eine Federboa. Die drei Detektiv:innen begeben sich auf professionelle Spurensuche. Phase Eins: Augenzeugen befragen. Phase Zwei: Beschattung. Phase Drei: Täterprofil erstellen. Phase Vier: Falle stellen.   
Doch als Maja ausgerechnet ihre Oma in die Falle geht, ist sie gar nicht mehr so erpicht darauf, den Fall aufzuklären. Und beschuldigt den unschuldigen Paul, der ihr ihre Freundin Kiki abspenstig macht. Maja ist verwirrt: Warum hat eine einst erfolgreiche Künstlerin kein Geld und dafür umso mehr unbezahlte Rechnungen?  
Es ist ein Glück für das Stück, dass Marie Hüttner Figuren entwirft, die Fehler machen. Und Fehler haben. Maja ist nicht perfekt. Sie ist neidisch und ungerecht. Sie trifft falsche Entscheidungen. Aber sie bemüht sich auch, sie wieder auszubügeln. Der gesellschaftspolitische Stoff steckt also in einer schön waschecht komplizierten Freundschaftsgeschichte. 
„Ertappt“ ist astrein erzählt, mit gekonntem Spannungsaufbau und einer Dramaturgie, die wie am Schnürchen läuft. Das well-made-play wird hier zur well-made-criminal-story. Wie sich der Knoten entwirrt, ob Maja ihre Oma verrät oder ob sie Paul in der Schülerzeitung denunziert – das wird hier natürlich nicht gespoilert. Sie werden Spaß beim Lesen haben. 

Die Jury zeichnet mit »Ertappt« ein gelungenes Debüt von Marie Hüttner als Kindertheaterautorin aus. Herzlichen Glückwunsch zum Förderpreis des Berliner Kindertheaterpreises« 2023!

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