Interview: Regisseurin Petra Schönwald zu „Himmel, Erde, Luft und Meer“

GRIPS- Dramaturg Tobias Diekmann mit Regisseurin Petra Schönwald über die Aktualität des Stücks, ihren eigenen Aktivismus und das Inszenieren in Zeiten von Corona.


„Himmel, Erde, Luft und Meer“ hatte seine Uraufführung 1990 am GRIPS. Was hat dich gereizt, die Geschichte heute nochmal zu erzählen? 
Zum einen ist das Thema Klimazerstörung ja heute noch akuter als damals. Auch wenn unsere Luft hier nicht mehr ganz so grau und stinkig ist, haben wir die Probleme nicht gelöst sondern eher in den globalen Süden ausgelagert – dorthin wird unser Müll exportiert, dort werden unsere Klamotten, Handys und Lebensmittel unter gesundheits- und klimaschädlichen Bedingungen produziert. In den 90ern glaubten wir vielleicht noch, dass wir durch eine gesündere Lebensweise die Welt retten könnten, doch in der Realität wurde daraus oft nur ein scheinheiliger Öko- Konsumismus. Uns sind die Zusammenhänge heute z.T. zwar bewusster, aber gleichzeitig fühlen sich viele angesichts der globalen Lage überfordert oder verschließen bewusst die Augen solange sie noch auf der „sicheren“ Seite sitzen.  

Die neue Version von „Himmel, Erde, Luft und Meer“ trifft für mich genau in diese gesellschaftliche Situation hinein. Der Klimawandel und seine Konsequenzen ist (abgesehen von Corona) das beherrschende Thema, das uns alle global betrifft – es muss im Theater verhandelt werden. Aber was ich an unserer Neufassung vor allem toll finde, ist, wie es verhandelt wird:  über das Zusammentreffen von sehr realen Figuren, in deren Alltagsleben ich mich sofort wieder erkennen kann, mit Anna, einer realen aber auch magischen Figur, die eine ganz andere Perspektive auf die Dinge einnimmt. Ich weiß nicht genau, woher sie kommt, ob ihre Oma, bei der sie lebt, wirklich existiert, ich weiß nicht einmal genau, WAS sie ist. Aber sie vertritt für mich ein neues Prinzip, eine grundlegende Hinterfragung der Dinge. Anna sagte schon in der ersten Fassung den  Satz: „Die Erwachsenen bringen die Kinder um“. Das ist hart. Aber ich mag diese Radikalität. Und ich glaube diese Radikalität braucht es auch heute.  

Welche Aspekte in der Geschichte sind dir dabei besonders wichtig?
In „Himmel, Erde, Luft und Meer“ stecken viele ernste Botschaften, die Missstände werden beim Namen genannt, aber es belehrt nicht. Und auch Anna ist bei aller Radikalität und Unbedingtheit kein weises Wesen, sondern einfach ein Kind. Ein Kind, das auch so seine Probleme mit sich und der Welt hat. Ich mag diese zwei Stränge in der Geschichte sehr gern. Einerseits löst Annas Auftreten etwas bei den anderen Menschen aus, sie verändern sich, beginnen Dinge anders zu sehen, geraten ins Stocken oder werden aktiver. Andererseits macht dieses Aufeinandertreffen aber auch was mit Anna. Sie verändert sich. Anstelle von Bäumen sucht sie plötzlich die Nähe zu anderen Menschen, sie erlebt Gemeinschaft, sie lässt sich ein auf das Hier und Jetzt. Mir war es wichtig, dass wir mit diesem Stück keine vorgekauten Lösungen oder weitere Fakten verkaufen, sondern lieber ein Gefühl vermitteln, dass es immer richtig ist, etwas zu tun, und wir uns aber nicht mit Alibilösungen zufrieden geben. Dass es möglich ist, auch einen kleinen Schritt zu gehen, und dass jeder kleine Schritt andere Schritte in Bewegung setzen kann. Dass wir nicht den Mut verlieren angesichts der Riesenaufgabe, die vor uns liegt, sondern dass wir uns verbinden mit anderen. Dass wir uns trauen, auch Dinge in Angriff zu nehmen, die hoffnungslos scheinen, weil kein Kampf umsonst ist. Anna, Julia und Aldi tun alles dafür, dass der Baum Asta nicht gefällt wird. Und wir wissen am Ende nicht, ob sie das wirklich schaffen. Aber allein ihre Entscheidung, es zu versuchen, hat etwas verändert, sowohl bei Ihnen als auch in ihrem Umfeld.  

Bist du selbst auch im Klimaschutz aktiv?
Ich bin Aktivistin, aber kämpfe in erster Linie für einen allgemeinen Systemwechsel. Globaler Klimaschutz ist für mich nur in einer nicht-kapitalistischen, herrschaftsfreien Welt möglich. Das ist so mein Ansatzpunkt. Ich bin zum Beispiel aktiv in der Mieter*innenbewegung, konkret in der Initiative Mieter:innengewerkschaft Berlin und bin Mitglied des feministischen Künstler*innenkollektivs „Anonyme Anwohnende“. Ich bin ein großer Fan von Selbstorganisierung, also dass sich Menschen zusammentun. Vereinzelt können wir nicht viel verändern, dazu müssen wir unsere kollektiven Kräfte entdecken. Das ist natürlich Arbeit, aber auch eine, die Spaß macht. Aktivismus nimmt tatsächlich einen großen Teil in meinem Leben ein, das verstehen manche nicht. Ich verstehe eher nicht, wie man sich nicht engagieren kann. Für mich ist passives Zuschauen viel belastender als einfach selbst aktiv zu werden. Ich will das gute Leben für alle. Das bewundere ich übrigens auch sehr an Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Ende Gelände“. Diese Ausdauer und extreme Energie, sowas motiviert mich.  Einmal hatten wir eine Videokonferenz mit Leuten von FFF für diese Inszenierung. Wir fragten sie, wie sie sich selbst wieder motivieren, wenn sie scheitern.  Und die Antwort war einfach nur genial: „Definiere Scheitern“! 

Was kann bzw. muss Theater-Arbeit in Zeiten der Klimakrise bewirken? 
Im besten Fall erzeugt Theater für mich immer ein Gefühl der Solidarität, der Selbstermächtigung, der Handlungsfähigkeit. Mir geht es in meiner Arbeit nicht an erster Stelle um Informationsvermittlung – gerade was unsere bedrohliche Klimasituation betrifft, wissen wir eigentlich schon eine Menge – aber Wissen allein ändert noch nichts. Theater kann uns aber da abholen, wo wir jetzt stehen, mit allem Wissen, mit allen Fragen und mit allen Widersprüchen, und kann ausprobieren, verhandeln, weiterdenken. Theater kann und muss Utopien real werden lassen. Gerade was das Klima betrifft, kommen ja oft Argumente wie „Ja aber, das ist alles nicht so einfach, weil…“  Aber was bringt diese Haltung? Wenn wir schon wissen, dass wir gerade auf der Überholspur gegen die Wand fahren – warum dann nicht einfach mal was anderes ausprobieren? Ohne zu wissen, ob es am Ende wirklich funktioniert. Theater sollte immer wieder dazu ermutigen: Einfach mal machen! 

Gab es für dich aufgrund der Corona-Pandemie Einschränkungen bei deiner Arbeit an der Produktion?
Ja natürlich, sehr viele sogar. Wir haben weniger Probenzeit zur Verfügung aufgrund von Kurzarbeitsregeln. Für uns alle gelten beim Proben und auch direkt auf der Bühne die Abstands-und Hygienemassnahmen. Die Spieler*innen dürfen sich nicht näher als 1,5 m kommen, sich nicht berühren etc.. Das waren bis vor einem Jahr ja keine authentischen Verhaltensweisen. Andererseits ist Theater ja auch immer eine Überhöhung der Realität, eine Zuspitzung, oder ein Ausschnitt. Man muss sich jedenfalls oft an Stellen was einfallen lassen, worüber vor Corona einfach kein Mensch nachzudenken brauchte. Schlimmer aber ist für mich, dass wir schon seit so langem keinen Kontakt zu echtem Publikum hatten. Normalerweise gibt es auch Probenbesuche und Gespräche z.B. mit Schüler*innen, und diesen Austausch finde ich für meine Arbeit sehr wichtig. Jetzt produzieren wir irgendwie so im luftleeren Raum. 

Wie würdest du deine Art des Inszenierens beschreiben? Auf was legst du besonders Wert?
Das ist für mich immer eine sehr schwierige Frage, weil ich über meine Art des Inszenierens nicht viel nachdenke. Aber was ich sagen kann: ich mag keine Formen, in die Leute gepresst werden. Ich habe natürlich zunächst ein Konzept, wie ich an ein Stück herangehe, was mir an dem Stoff wichtig ist, wie ich mir die Figuren vorstelle. Hier war es z.B. die Idee, dass wir uns alle in so einem ständigen Hamsterrad oder Kreislaufsystem befinden: wir alle laufen jeden Tag unsere vorgefertigten Wege, in die Arbeit, in die Schule, wir konsumieren, wir funktionieren, wir spielen das Spiel mit. Deswegen sehen die Spieler*innen aus wie Spielfiguren und die Bühne hat was von einem Spielbrett. Das war die Konzeptidee. Aber dann in den Proben weiß ich nicht schon vorher, was geschieht. Ich probiere etwas und kann die Antwort noch gar nicht wissen, bevor es stattgefunden hat. Die Idee trifft dann auf Menschen, die ihre ganz eigenen Wege mitbringen. Und auf die bin ich auch neugierig. Ich stelle oft Fragen. Das kann für manche nervig sein.  Aber ich will miteinander suchen, es muss sich nicht nur von außen, sondern auch von innen richtig anfühlen, was wir da machen und zeigen. Dazu brauche ich den Austausch –  meine eigenen Bilder und die Impulse der Spielenden. Und manchmal fällt mir auch nichts ein, das sage ich dann auch. Ich halte nicht viel vom Geniekult um die Regie. Ich glaube die kreativsten Momente entstehen nur durch ein sich aufeinander einlassen und ohne Angst vorm Scheitern. 

GRIPS Theater Himmel Erde Luft und Meer 3

Was ist deiner Meinung nach elementar bei Theater für junges Publikum?
Sich nicht anzumaßen, immer schon zu wissen, was Kinder und Jugendliche denken, wollen, fühlen. Das innere Kind zwar immer mit dabei haben, aber auch das reale Kind mir gegenüber wahrnehmen. Sie auf Augenhöhe behandeln und darstellen, nicht ausstellen. Versuchen, in einen Dialog miteinander zu treten, keinen Erklärbären geben, der alles besser weiß. Dem jungen Publikum auch etwas zutrauen, nicht einfach nur den vermeintlichen Geschmack bedienen. Gerade weil ich gern abstraktere Formen wähle in meinen Inszenierungen, kommt manchmal der Einwand „Sowas verstehen Kinder nicht“. Das bezweifle ich.  Sie finden es nicht automatisch gut, aber Kinder verstehen gerade Abstraktes oft besser als die Erwachsenen. Kinder und Jugendliche kommen andererseits aber auch mit sehr klaren, vorgefertigten Meinungen ins Theater – es ist Teil ihrer Erziehung in dieser Gesellschaft: das ist richtig, das ist falsch, das tut man nicht, usw.  Theater sollte da immer ein Stück weit eher sprengen als diese Strukturen stabilisieren, wir sollten gegen Bewertungen arbeiten. Deswegen sollte sich Theater für junges Publikum in erster Linie immer wieder selbst hinterfragen: welche Bilder, welche Muster, welche Vorstellungen reproduzieren wir? Wie können wir uns davon befreien? Das Theater steht nicht außerhalb der Gesellschaft, manchmal ist es sogar viel rückschrittlicher, hierarchischer und konservativer als der Durchschnitt. Diese Strukturen müssen abgeschafft werden. Wir sollten jungen Leuten nicht eine Welt von vorgestern vorsetzen, sondern eine Welt von heute. Und gemeinsam könnten wir uns vorstellen, was in der Welt von morgen so alles abgeht.