30.4.26: „40 Jahre LINIE 1“ – Eine kurze Chronik der Höhepunkte

 “The “Wilmersdorf Widow song” is to Volker Ludwig’s musical Linie 1 (Line One) what “All That Jazz” is to Chicago, or “Time Warp” to The Rocky Horror Picture Show: the catchy showstopper that brings the house down.” (The Guardian, 16. April 2023)

LINIE 1 ist nicht nur der größte Erfolg, den ein deutsches Musical je hatte; es war über Jahre das meistinszenierte, meistaufgeführte und meistbesuchte Theaterstück im deutschsprachigen Theaterraum und machte Volker Ludwig in den 90er Jahren zum meistgespielten Autor nach Shakespeare, Brecht und Molière. Am 30. April 2026 feiern wir das 40-jährige Jubiläum, damit ist LINIE 1 das am längsten durchgängig gespielte deutschsprachige Musical. Wir haben eine kleine Chronik der Höhepunkte, Fakten, Namen und Zahlen zusammengetragen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

Am 30. April 2026 war die Uraufführung von LINIE 1. Volker Ludwig schrieb über diesen Abend: „…Heute kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen, wie sehr die meisten Schauspieler an einem Erfolg der LINIE 1 gezweifelt hatten, so groß war der Probenstress gewesen… Weil alle Schauspieler (bis auf die Penner) am Schluß die rote Sonne über Kreuzberg mit dem Rücken zum Publikum erwarteten, merkten sie nicht, wie das Publikum Hunderte von Wunderkerzen anzündete. Desto stärker haute es sie um, als sie sich nach dem Black umdrehten und der nicht endend wollende Jubel ausbrach. Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal hinter der Bühne heulen gesehen, vor Erschöpfung und Glück.“ (Aus: „Erinnerungen und Anekdoten.“ Erschienen in: Kolneder / Fischer-Fels (Hg.), Das GRIPS-BUCH. Theatergeschichten. Berlin 1994, S. 216 – 229)

Von 1986 – 88 gastierte das GRIPS-Ensemble mit seiner LINIE 1-Inszenierung (z.T. in englischer Sprache) in Dublin, London, Turin, Wien, Paris, Amsterdam, Jerusalem, New York, Brisbane und Melbourne.
1987 bekam Volker Ludwig für LINIE 1 den MÜLHEIMER DRAMATIKERPREIS für das beste deutschsprachige Theaterstück.

1988 wurden die Berliner Filmfestspiele mit Reinhard Hauffs LINIE 1-Verfilmung eröffnet.
Im selben Jahr kam es zu einem sensationellen Gastspiel in der DDR (Karl-Marx-Stadt, Dresden, Halle), 1989 folgten Kopenhagen, Göteborg und Stockholm, 1991 Moskau, 1994 Prag, 2001 Bombay und Pune. 

Anlässlich der 2000. Vorstellung der koreanischen LINIE 1-Adaption „SEOUL LINE 1“ wurde das GRIPS Theater im November 2003 nach Seoul eingeladen und zeigte vor einem begeisterten koreanischen Publikum sein deutschsprachiges Original (mit koreanischer Übertitelung).

Julia Blankenburg, René Hofschneider, Hansi Jochmann, Dieter Landuris, Thomas Nicolai, Janette Rauch, Christiane Reiff, Mathias Schlung, Ilona Schulz, Arndt Schwering-Sohnrey, Nadine Warmuth und Petra Zieser gehören zu den aus Film und Funk bekanntesten (ehemaligen) LINIE 1-Schauspielenden. 
Axel Prahl war zwar von 1993 bis 1999 festes Mitglied im GRIPS-Ensemble, aber nie in LINIE 1 besetzt – bis auf ein Mal, als er als ‚Märchenprinz‘ einspringen musste. Aber schon bevor er ans GRIPS kam, spielte er den ‚Kleister‘ am Landestheater Schleswig.

Die Bemühungen, LINIE 1 immer wieder den veränderten Zeitumständen anzupassen, warfen viele Schwierigkeiten auf. Die Mauer musste gestrichen werden, die Sozialdemokratin durfte nicht mehr „in den Osten“ zu ihrer Schwester fahren, mit „Haste mal nen Euro?“ konnte sich niemand so recht anfreunden. Vom „Berlin-Lied“ entstanden im Laufe der Zeit vier Varianten, die Erweiterung der U-Bahn-Linie-1 zur Warschauer Straße hin wurde dagegen ignoriert. Seit September 2004 wird LINIE 1 wieder in der Originalfasssung von 1986 gespielt. Hier ist Berlin noch die Stadt, in der in allen Richtungen Osten ist und die Fahrkarte in D-Mark bezahlt wird.

2008 wurde eine lange erwartete DVD mit einer Live-Aufzeichnung veröffentlicht.

Seit der Uraufführung von LINIE 1 wurde alles, was Volker Ludwig geschrieben hat, an diesem Erfolg gemessen und die Frage gestellt, wann denn endlich die LINIE 2 käme. Um den Beweis anzutreten, dass es eine LINIE 2 gar nicht geben kann, hat Volker Ludwig zum 40-jährigen GRIPS-Jubiläum im Herbst 2009 LINIE 2 geschrieben und dem Stücktitel den Zusatz „Der Alptraum“ gegeben. Obwohl nur eine Szene in der U2 spielt, war das Publikum nicht enttäuscht: „LINIE 2 – Der Alptraum“ wurde im Mai mit dem FRIEDRICH-LUFT-PREIS als beste Berliner Aufführung 2009 ausgezeichnet, 88 Mal wurde das Stück vor ausverkauften Rängen gespielt. Einen guten Eindruck gibt es in der Sendung „Foyer“, dem ehemaligen Theater- und Kulturmagazin von 3sat.

Am 30. April 2011 wurde im GRIPS Theater das 25-jährige LINIE-1-Jubiläum gefeiert und am 4. Mai die 1.500. Vorstellung! Eigens hierfür wurde das „LINIE-1-Fanbook“ mit vielen Anekdoten, Fakten, Einsichten und Einblicken veröffentlicht.

2013 gab es eine der bewegendsten Vorstellungen von LINIE 1 am Hansaplatz: Die Berliner Stadtmission hatte 360 Obdachlose und Helfer der Bahnhofsmission vom Bahnhof Zoo ins GRIPS zu LINIE 1 eingeladen, im Anschluss wurden alle Gäste auf dem Hansaplatz an festlichen gedeckten Tischen zum Essen eingeladen. Die Presse fasste den Zauber dieses Nachmittags so zusammen: „Wenn es an diesem Tag einen Platz gab, an dem sich Jesus draußen in der Kälte an Biertische gesetzt hätte, so war es der Vorplatz vom Grips-Theater im Hansaviertel. Als Beistand für die Menschen ohne Heimat und zum Dank für die Helfer. Ein Zauber lag über der 1607. Vorstellung des Kultstückes „Linie 1“, draußen – und drinnen, im Warmen.“ (Tagesspiegel, 10.11.13)

2015 hat das Lübecker Kobalt Theater sehr erfolgreich eine Figurentheater-Version von LINIE 1 herausgebracht, gespielt von vier Spielern und 41 Figuren! 

Lange gewünscht, 2015 endlich umgesetzt: Die englische Übertitelung von LINIE 1 im GRIPS. Der Renner bei den Berlin-Touristen!

Die Bilanz zum 30-jährigen Jubiläum 2016 lautete: Bis zum 30. April 2016 hat das GRIPS Theater 1.723 Vorstellungen von LINIE 1 gespielt, ca. 620.000 Zuschauer haben bis dann allein die Berliner Inszenierung gesehen, weit mehr als drei Millionen in anderen Theatern. LINIE 1 wurde bis heute von mehr als 150 deutschsprachigen Theatern nachgespielt, außerdem in Kanada, Finnland, Brasilien, Griechenland, Spanien, Italien, Dänemark, Spanien, Südkorea, Hongkong, Indien, den Niederlanden, Litauen, Schweden, Namibia, Nigeria, Russland und im Jemen nachinszeniert. In Barcelona („Linea Roja“), Hong Kong („Island Line“), Kalkutta („Chord Line“), Seoul („Seoul Line 1“) und Vilnius („Regel Nr. 1: von Vilnius träumen verboten“), Windhoek („Friends 4Eva“), Aden („Mak Nazl“) und Maputo wurde das Stück auf die jeweiligen Städte übertragen, die Originalmusik (bis auf Hong Kong) beibehalten. 

Zum 50-jährigen GRIPS-Jubiläum 2019 hat Regisseur und Theaterleiter Kim Min’Gi mit seinem Hackchôn Theater die SEOUL LINE 1 wieder in einer aktualisierten Version aufgenommen – dieses Mal mit einem versöhnlicheren Stimmung dank des „Tauwetters“ zwischen Nord- und Südkorea. Auch die Instrumentierung war ungewöhnlich, statt des für den Sound von LINIE 1 sehr typischen Saxophons gibt es in der neuen Fassung eine Bratsche. Die Berliner*innen konnten dies Fassung live während der Jubiläumsfestwochen im Juni 2019 erleben.

Auch die Rockband NO TICKET – in seiner Urbesetzung mit Thomas Keller (sax), Michael Brandt (guit), Matthias Witting (keys), Axel Kottmann (bass) – rockt weiterhin die Bühne, lediglich George Kranz hat seine LINIE-1-Trommelstöcke in die Rente geschickt und seine Position an Thilo Brandt übergeben. 

Das GRIPS Theater reagierte als eines der ersten Theater auf die Corona-Pandemie, indem es noch vor der offiziellen Schließung der Theater Mitte März 2020 aus Verantwortung gegenüber seinem Publikum ein ausverkauftes LINIE-1- Set mit vier Vorstellungen ausfallen ließ: Am 11. März 2020 wäre die 1.934. Vorstellung gewesen.

Selbst in den kurzen Momenten der Öffnung während der Pandemie blieb LINIE 1 weiterhin im Depot. Ein Rockmusical mit elf singenden Schauspielenden im direkten Kontakt zum Publikum, das war nicht an die Corona-Bedingungen anzupassen. Und so kam es, was niemand sich vorstellen konnte: 20 Monate Zwangspause für LINIE 1. 

Am 11. November 2021 war es wieder möglich – nach 20 Monaten coronabedingter Pause gab es die Wiederaufnahme von LINIE 1. Das Ensemble war PCR-getestet, es wurden weiterhin die Plätze nur mit Abstand vergeben und es galt die 3G-Regel. Eigens für die Wiederaufnahme in der Regie von Petra Zieser hat Volker Ludwig einen Prolog geschrieben: „Herzlich willkommen im GRIPS Theater! Was Sie heute Abend sehen, ist eine besondere Rarität: Die „Linie 1“ in ihrer 35 Jahre alten Original-Fassung! Westberlin ist zugemauert, die westliche Welt endet am Schlesischen Tor und das Rauchen in den U-Bahnen ist gerade verboten worden. Auf der Bühne ist alles wie damals, bis auf ein paar Kostüme und ein paar Striche, weil die Premiere 1986 zu lang war. Sie dauerte 4 Stunden. Aber der Text ist der alte und gibt Wort für Wort wieder, wie die Berliner damals gefühlt und gedacht, geheult und gelacht, geflucht und geträumt haben. Tauchen sie also ein in die Zeit der Mauerstadt, und Sie werden mehr und mehr das Berlin und die Berliner von heute wiederfinden. Viel Spaß!“

Am 7. Januar 2023 war mit der 1.969 Vorstellung zugleich die letzte Vorstellung von LINIE 1 in der Original-Inszenierung von 1986 von Wolfgang Kolneder. GRIPS-Leiter Philipp Harpain hierzu: „Theater heißt Bewegung. Geschichten, auch alte Geschichten neu zu erzählen, ist in unserer Kunstform Alltag, ist Normalität. Der durch die Pandemie erzwungene Abstand zu allen Stücken im Repertoire, auch zu „Linie 1“, hat uns die Möglichkeit gegeben, das künstlerische Profil des Hauses neu zu denken, zu schärfen, auszubauen. Daher auch der Wunsch, diese zeitlos schöne Geschichte vom Leben und Überleben in einer Großstadt aus heutiger Sicht neu zu betrachten und zu inszenieren.“

Anfang Februar 2023 begannen die Proben für die Neuinszenierung in der Regie von Tim Egloff, die geplante und umjubelte Premiere war am 30. März 2023. Zwar blieben der Text von Volker Ludwig und die Kompositionen von Birger Heymann und NO TICKET gleich, das Stück spielt auch weiterhin in West-Berlin 1986. 

Für die mutige Aufgabe einer Neuinszenierung wurde Tim Egloff gefunden. Er beschrieb seinen Ansatz und Vorgehensweise so: „Uns war es wichtig, dem Stück respektvoll bezüglich seiner Geschichte, aber auch fordernd bezüglich aktueller Debatten zu begegnen, und aus dem Heute heraus auf dieses Großstadtpanoptikum der 80er zu schauen. Ganz sicher werden einige Figuren in der Anlage sehr anders sein, unser Blick auf gesellschaftspolitische Zusammen-hänge ist heute ja ein anderer als vor knapp vier Jahrzehnten. Auch der ästhetische Zugriff wird mit einem Bewusstsein für die 80er Jahre erfolgen, das erst durch die zeitliche Distanz so entstehen konnte. Und natürlich haben sich im Laufe der Jahre theatrale Erzählweisen und Ästhetiken verändert, viele Codes lesen wir heute anders als damals. Letztlich geht es darum, im Wissen um das Gewesene unbefangen, frisch und vor allem lustvoll neu auf diese Geschichten zu schauen und sich überraschen zu lassen.“ 

Das Team der Neuinszenierung: Regie: Tim Egloff | Bühne: Marian Nketiah | Kostüm: Mascha Schubert, Mitarbeit Marcus Barros Cardoso und Annika Maier | Choreografie: Bahar Meriç | Musik.Ltg: Matthias Witting | Dramaturgie: Tobias Diekmann | Musikdramaturgie: Thomas Keller | Musikalische Beratung: Caspar Hachfeld. © David baltzer/bildbuehne.de

Den Prozess der Neuinszenierung hat die Videographin Katharina Tress begleitet und dokumentiert, entstanden ist die 20-minütige Dokumentation „LINIE 1 – auf neuen Gleisen. In Probenausschnitten und dank der Interviews mit dem künstlerischen Team rund um Regisseur Tim Egloff bekommt man tiefe Einblicke in den Prozess der Neubetrachtung von LINIE 1. Zu sehen auf der Startseite des GRIPS Blogs grips.online 

Einen weiteren Grund zum Feiern gab es auch noch in 2023: Am 2. Dezember rollte die 2.000 Vorstellung von LINIE 1 über die Bühne am Hansaplatz! Damit gilt LINIE 1 als das am längsten durchgängig gespielte deutschsprachige Musical – von der Zwangspause während der Corona-Pandemie abgesehen. 
Viele Anekdoten, Zahlen und Fakten können aus der langen Geschichte von LINIE 1 berichtet werden, aber es gibt einen heimlichen Star seit der Uraufführung, dem man nicht genügend Respekt zollen kann: Im Mittelpunkt der 2.000. Vorstellung stand der damals 83-jährige Dietrich Lehmann, der in ALLEN 2.000. Vorstellungen seinen legendären „Hermann“ und die „Witwe Agathe“ gespielt hat.  

Dass die LINIE 1 des GRIPS Theaters DER Berliner Exportschlage war und ist, das hat sogar die New York Times und der Guardian 2023 mitbekommen und darüber berichtet: Der britische Guardian recherchierte intensiv und stellte etwas fest, was uns im GRIPS bis dahin noch gar nicht bewusst war: „Why Berlin’s U-Bahn musical shows no sign of hitting the buffers. The longest-running production in Germany, restaged for a new generation of theatregoers, is a curious mixture of 80s nostalgia and politics … with great tunes”. Um den Stellenwert von LINIE 1 zu verdeutlichen, schrieb der GUARDIAN: The “Wilmersdorf Widow song” is to Volker Ludwig’s musical Linie 1 what “All That Jazz” is to Chicago, or “Time Warp” to The Rocky Horror Picture Show: the catchy showstopper that brings the house down.”. Und auch die New York Times ging in diese Richtung: “The crowd was fired up, applauding their favorite sketches and characters, or singing along. It was a level of audience involvement I haven’t experienced outside of “The Rocky Horror Show.”“ Kannste mal sehen!

2025 wurde unserer LINIE 1 auch die Ehre zuteil, in der Reihe „Meisterwerke aus Berlin“ des RBB aufgenommen zu werden. Thomas Keller, LINIE-1-Urgestein (Saxofon) und heute Mitglied im GRIPS-Leitungsteam gibt hier spannende und auch ganz neue Einblicke, u.a. über die Entstehung von „Hey du!“ oder wie es im Original heißt „Marias Lied. Und ihm ist auch die treffendste Beschreibung, was den Erfolg ausmacht, gelungen: „Linie 1 ist in jedem Falle kitschig und schmutzig und übertreibt in alle Richtungen, im Guten, wie im Bösen, im Liebevollen wie im Dreckigen und Aggressiven, das macht die Qualität aus, das hält sich mit nix zurück. Und der Blick auf diese Menschen ist von Volker als Autor immer mit einer großen Liebe, mit einer großen Ehrlichkeit, einer großen Ernsthaftigkeit, aber immer mit dem Blick von unten. Das ist, glaube ich, ganz entscheidend, und das Publikum findet sich in erster Linie dort selber wieder.“

Am 30. April 2026 werden wir die 2.127. Vorstellung zeigen und das 40-jährige Jubiläum feiern. Gefeiert wurde im Lauf der langen LINIE-1-Geschichte viel, jetzt endlich stehen die Fans im Mittelpunkt: Endlich darf mal lautstark mitgesungen werden. Dafür halten wir am Premierenabend ein großes Kontingent* an Fan-Karten parat. Am 21.3. gab es für LINIE-1-Fans bei dem SingAlong „VOICES OF GRIPS – Voll auf LINIE“ sechs Lieder aus LINIE 1 üben und gemeinsam aus vollem Hals singen. Was ja meistens während einer Vorstellung von den Sitznachbarn nicht geschätzt wird.  
(*innerhalb eines halben Tages verkauft!)

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In Gedenken an unsere verstorbenen Kollegen 
Wolfgang Kolneder (Regisseur von LINIE 1)
Christian Veit (Schauspieler von 1986 bis 2011 in LINIE 1) 
Birger Heymann (Komponist von LINIE 1)