Die vielen Gesichter der Einsamkeit

„Das Herz eines Boxers“ von Lutz Hübner, kommt neu befragt von Regisseurin Jessica Weisskirchen auf die GRIPS-Bühne im Podewil (ab 4. Juni 2026)

Mit dem Stück „Das Herz eines Boxers“ begann vor 30 Jahren die Karriere von Lutz Hübner als einer der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart. Jetzt kommt das Stück neu befragt auf die GRIPS-Bühne. Und thematisiert bis an die Schmerzgrenze eines der aktuellsten Themen der Zeit: 

Nils Thalmann als „Jojo“ | © David Baltzer/bildbuehne.de

Ein 17-Jähriger, der zu Sozialstunden verdonnert wird. Ein alter Mann, der nicht mehr spricht als unbedingt nötig. Zwei Leben, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und doch mehr teilen, als sie ahnen. Das ist das Setting von „Das Herz eines Boxers“, mit dem Lutz Hübner vor 30 Jahren im GRIPS Theater seine Karriere als einer der wichtigsten Dramatiker der Gegenwart begann.

Im geschützten Bereich eines Pflegeheims trifft Jojo auf Leo, einst Boxer, schroff, allein. Jojo dagegen redet, provoziert, hält die Welt auf Abstand – und ist doch ebenso isoliert. Zwischen ihnen entsteht eine Begegnung, die sich langsam tastet, reibt, widerspricht. Und genau darin ihre Kraft entfaltet.

Das Stück erzählt von den vielen Gesichtern der Einsamkeit. Von der offensichtlichen Einsamkeit eines alten Mannes. Und von der weniger sichtbaren, oft übersehenen Einsamkeit eines Jugendlichen, der – trotz digitaler Dauervernetzung – keinen Ort findet, an dem er wirklich gesehen wird. Es ist eine Einsamkeit, die aus dem Gefühl entsteht, nicht wahrgenommen zu werden. Nicht gemeint zu sein.

René Schubert als „Leo“ | © David Baltzer/bildbuehne.de

Was beide verbindet, ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: Dazuzugehören. Für jemanden Bedeutung zu haben. Gehört zu werden. Am Leben teilzuhaben.

Gerade vor dem Hintergrund einer Generation, die sich zunehmend als einsam beschreibt, trifft das Stück einen wunden Punkt der Gegenwart. Es zeigt, wie Einsamkeit entsteht – und was ihr entgegenwirken kann: echte Begegnung. Verlässlichkeit. Das Risiko, sich zu öffnen.

„Es geht in dem Stück um den Wunsch, für jemanden zu zählen. Jemandem etwas zu bedeuten. Dass jemand zuhört“, so Lutz Hübner. Auch Regisseurin Jessica Weisskirchen sieht genau darin die Kraft des Stücks, solche intensiven und zufälligen Begegnungen gäbe es heutzutage nur noch selten, sagt sie, vielmehr fragt sie sich, „wohin sich unsere Gesellschaft bewegt, dass es in meiner gegenwärtigen Welt kaum noch zu solchen Situationen kommt.“

„Das Herz eines Boxers“ – neu befragt – ist kein Jugendstück im engeren Sinne. Es ist vielmehr ein Stück für alle, die wissen – oder ahnen –, wie es sich anfühlt, allein zu sein. Und wie viel es bedeuten kann, wenn da plötzlich jemand ist, der bleibt. Und wie es ist, wieder am Leben teilzunehmen.

v.l.n.r.: Sarah Nemitz, Lutz Hübner und Jessica Weisskirchen (Regie) | ©GRIPS Theater

Mit dieser Produktion setzt die neue GRIPS-Leitung fort, was mit der Premiere bei der Produktion „Laura war hier“ begann: Neue künstlerische Teams mit starken Regiesprachen befragen bewährte GRIPS-Stücke neu.

Nach Ekat Cordes kommt nun erstmals Regisseurin Jessica Weisskirchen ans Haus. Sie ist bekannt für ihre körperlich dichte, atmosphärisch prägnante Bildsprache, und bringt gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildnerin Wanda Traub eine eigene, kraftvolle Handschrift ein. Ihre Arbeit setzt auf kollektive Probenprozesse, auf Energie, Reibung und Spielfreude – und schafft so einen Raum, in dem sich die leisen wie die lauten Töne dieses Stücks entfalten können.

Zu sehen ab 4. Juni 2026 im GRIPS Podewil, Infos, Tickets und Termine: grips-theater.de. Das Stück wird auch in die neuen Spielzeit übernommen.

Zu Lutz Hübner

Am 19. Oktober 1996 war die Uraufführung seines Stücks „Das Herz eines Boxers“ (mit Axel Prahl und Christian Veit) im GRIPS Theater und das war auch der Beginn einer fulminanter Karriere eines hochbegabten Dramatikers: 
Seit der Spielzeit 1999/2000 ist Lutz Hübner – nach den Werkstatistiken des Deutschen Bühnenvereins – durchgehend bis heute einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker im deutschsprachigen Raum, seit 2008 gemeinsam mit seiner Co-Autorin Sarah Nemitz. Ihre mehr als 40 Stücke wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und werden weltweit gespielt. „Das Herz eines Boxers“ wurde über 100 Mal nachinszeniert, 1998 mit dem  Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet und ist Schullektüre zum Einstieg in die Dramatik. 

Im GRIPS wurden außerdem noch diese Stück von Hübner/Nemitz inszeniert: „Alles Gute“, „Creeps“, „Nellie Goodbye“, „Winner & Loser“, „Held Baltus“, „Frau Müller muss weg“, „Aussetzer“, „Der Gast ist Gott“, „Don Quixote“ und „Phantom“.

Auszeichnungen für Lutz Hübner(Auswahl):

1998: Deutscher Jugendtheaterpreis für das Stück „Das Herz eines Boxers“ 

2002: Theaterzwang-Preis für „Creeps“ 

2008: „Honorable Mention“ der ASSITEJ International 

2011: „Autorenpreis der ASSITEJ Deutschland“ 

2015: „Bayerischer Filmpreis“ in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ für Frau Müller muss weg!, gemeinsam mit Sarah Nemitz und Oliver Ziegenbalg 

2016: „Preis der Autoren“ der Frankfurter Autorenstiftung 

Darüber hinaus wurden mehrere seiner Stücke zu wichtigen Festivals eingeladen, etwa zu den Mülheimer Theatertage oder dem Berliner Theatertreffen.

Illustration: ©Bela Sobottke