Zum Gedenken an Inge Deutschkron – Teil 1

„Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe. Dass Menschen anderen Menschen das Recht auf Leben streitig machen könnten – ganz gleich welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher politischen Einstellung, nicht hier und nicht anderswo. Und um dieses Zieles wegen gilt es, die Wahrheit zu wissen, die ganze Wahrheit. Denn solange die Frage Rätsel aufgibt, wie konnte das Fürchterliche geschehen, ist die Gefahr nicht gebannt, dass Verbrechen ähnlicher Art die Menschheit erneut heimsuchen.“

Inge Deutschkron in ihrer Rede im Bundestag 2013 zum Internationalen Holocaust-Gedenktag

Inge Deutschkron, die Autorin, Publizistin, Journalistin, Zeitzeugin und Freundin und Weggefährtin des GRIPS Theaters, die dank der Hilfe vieler Berlinerinnen und Berliner während des Nationalsozialismus in Berlin überleben konnte, ist am 9. März 2022 im Alter von 99 Jahren verstorben. 

Wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter den Verfolgungen, Denunziationen und Deportationen in Berlin entkommen konnte, schilderte Inge Deutschkron eindrücklich in ihrem autobiographischen Bericht „Ich trug den gelben Stern“. Mit ihrer Autorisierung dramatisierte GRIPS-Gründer und Autor Volker Ludwig gemeinsam mit Detlef Michel diesen Bericht unter dem Titel „Ab heute heißt du Sara“, was 1989 im GRIPS Theater zur Uraufführung kam und noch heute zu sehen ist. Das Stück erzählt in 33 Bildern von der Angst der Verfolgten, von den Menschen, die Inge und ihrer Mutter geholfen haben und die für sie „Stille Helden“ wurden, von einer verlorenen Kindheit, und nicht zuletzt vom kämpferischen Mut eines jungen Mädchens, das nicht aufgibt.

Der Kontakt mit Volker Ludwig, dem GRIPS Theater und der jungen Generation der Schauspielenden ermutigten Inge Deutschkron 1990, nach langen Jahren in Tel Aviv, wieder in ihrer Heimatstadt Berlin zu ziehen. 

„Die Reaktionen der vielen jungen Menschen auf die Aufführungen und der Kontakt mit ihnen verhalf ihr zu einem Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die Zukunft. Sie war Teil der GRIPS-Familie, überhäuft von Einladungen in Schulen, wir traten mit ihr auf, feierten, lachten und demonstrierten zusammen, unterstützten sie in ihrem Kampf um die Ehrenrettung der „Stillen Helden“, die ihr Leben für die Rettung von Juden riskierten. Die Berlinerin Inge war heimgekehrt, war eine von uns. Das machte uns glücklich, dankbar und sehr stolz.“

Volker Ludwig

Insbesondere der Austausch mit der jungen Generation war ihr wichtig, als Zeitzeugin besuchte sie über Jahre unzählige Schulen in Berlin. Besonders am Herzen lag Inge Deutschkron das Blumenstraußprojekt, bei dem jährlich am 27. Januar – dem internationalen Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz – Überlebenden des Holocausts von Berliner Schülerinnen und Schülern Blumensträuße überbracht wurden. Im Zuge des von Inge Deutschkron bereits im Jahre 2006, in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und der Senatskanzlei initiierten Projekts und in Kooperation mit dem GRIPS Theater konnten Theaterworkshops und unzählige Zeitzeugengespräche zwischen Überlebenden der Shoa und Berliner Schülerinnen und Schülern realisiert werden. Die Gespräche waren gleichzeitig Ausgangspunkt zahlreicher Projekte zur Antisemitismus- und Gewaltprävention an den Berliner Schulen. 

„Diese unmittelbaren direkten Gespräche haben die Schülerinnen und Schüler in den vielen Jahren des Projektes tief berührt. Wir wissen leider, dass wir zukünftig ohne die mahnenden Stimmen der Zeitzeugen auskommen müssen. Ich danke dem GRIPS-Theater deshalb ganz besonders, dass es mit neuen Formen des Gedenkens ganz im Sinne Inge Deutschkrons und dem Stück „Ab heute heißt Du Sara“ seine Erinnerungsarbeit fortsetzen wird.“ 

Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse

In zwei Museen und einer Stiftung setzt sich Inge Deutschkrons Wirken fort

Als 1990 Studierende in den Hackeschen Höfen die Räume der Blindenwerkstatt von Otto Weidt entdeckten, setzte sie sich dafür ein, dass diese zum Museum umgestaltet wurden. Ein ebenso wichtiges Anliegen war ihr auch das Gedenken an die „Stillen Helden“, die ihr und anderen Menschen während des Nationalsozialismus geholfen hatten. Unter der Trägerschaft der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand wurde die neue Dauerausstellung im Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt im Dezember 2006 und die Gedenkstätte „Stille Helden“ im Oktober 2008 eröffnet.

Die zusammen mit der Schwarzkopf-Stiftung initiierte Inge-Deutschkron-Stiftung will erhalten, wofür Inge Deutschkron steht und wofür sie ihr Leben lang gekämpft hat. Schülerinnen und Schüler sollen u.a. über den Lehrplan hin­aus über die Schrecken des Holocaust informiert und für die Gefahren von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus sensibilisiert werden.

„Inge Deutschkron hat sich ihr Leben lang für eine bessere Welt eingesetzt, sie hat uns gelehrt, durch ihre eigene Geschichte die Welt mit ihren Augen zu sehen. Sie hat über ihr Erlebtes erzählt und geschrieben, und uns mitgenommen in ihre radikale humanistische Sichtweise auf die Politik und Gesellschaft. Und sie hat als Zeitzeugin mit vielen Kindern und Jugendlichen gesprochen, ihnen zugehört und mit der ihr eigenen humorvollen und liebenswerten Art dazu beigetragen, nicht nur einen Blick auf die Geschichte zu werfen, sondern Visionen für die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens zu entwerfen.“

Philipp Harpain

„Die Berlinerin Inge war 1990, ermutigt durch den Kontakt mit dem jungen GRIPS-Ensemble, heimgekehrt, war eine von uns. Das machte uns glücklich, dankbar und sehr stolz.
Jetzt ist meine Freundin Inge tot. Jeden ihrer Geburtstage hat sie als persönlichen Sieg über den Abschaum gefeiert, der auf ihre Ermordung aus war.
99 Jahre hielt sie das durch.
Und überlebte das braune Pack um ganze 77 Jahre…“

Volker Ludwig