„Eine Familie ist ja auch wie eine Art Haus, in dem man wohnt“

Autorin Milena Baisch im Gespräch

In ihrem Kinderstück „Laura war hier“ zieht die sechsjährige Laura los, sich eine richtige Familie zu suchen, denn ihre Mutter war blöd zu ihr. Eine Familie nicht nur mit einer Mutter, sondern auch mit Vater, Geschwistern, Hund und jede Menge Pizza. Sie macht sich auf die Suche in ihrem Berliner Mietshaus und trifft hier auf die ganze bunte Berliner Mischung, die Berlin so ausmacht. Ob da die „richtige“ Familie dabei sein wird?
Wir haben mit Autorin Milena Baisch über ihr Stück, Familienmodelle, das Schreiben und das GRIPS gesprochen.

GRIPS: Wie bist Du darauf gekommen, ein Stück über unterschiedliche Familienmodelle zu schreiben?

Milena Baisch: Ausgangspunkt für das Stück war die Weltentdeckerlust von Laura. Wie ein Vogelkind, das zum ersten Mal das Nest verlässt, fliegt sie durch ihr Berliner Mietshaus und entdeckt dabei ganz viel Neues. Am Ende kehrt sie in ihr Nest zurück, und nachdem sie die große weite Welt kennengelernt hat, findet sie ihr langweiliges Zuhause plötzlich doch sehr gemütlich. Es sollte um ein Haus gehen und um das Zuhause-Gefühl. Dazu gehören natürlich Familien. Eine Familie ist ja auch wie eine Art Haus, in dem man wohnt.
Und es sollte in dem Stück um den Impuls gehen, den Kinder in Lauras Alter haben, ihren Lebenshorizont zu erweitern. Das ist ein spannender Schritt, um herauszufinden, wer man selbst ist. Denn dazu ist es interessant zu sehen, wie die anderen so sind. Und wie es hinter ihren Wohnungstüren aussieht.

Milena Baisch

studierte in Berlin an der Film- und Fernsehakademie Drehbuch. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. 2011 erhielt sie den Jugendliteraturpreis für „Anton taucht ab“. Ihr Stück „Die Prinzessin und der Pjär“, das am GRIPS Uraufführung hatte, gewann den Berliner Kindertheaterpreis und den Mülheimer KinderStückePreis. Mit „Laura war hier“ und „Zum Glück viel Geburtstag“ hat sie bereits mehrere Theaterstücke fürs GRIPS geschrieben. Sie hat einen Sohn und lebt in Berlin.
FOTO: ©Sandra Ratkovic

GRIPS: Was ist für Dich das Wichtigste an einer Familie?

Milena Baisch: Ich denke, für Kinder ist das Wichtigste, dass sie sich zuhause sicher und geliebt fühlen. Wer immer auch ihnen dieses Gefühl gibt: Ob das Vater und Mutter oder sieben Tanten und Omas oder ein Alleinerziehender oder Pflegeeltern sind, ist nicht wichtig. Es gibt Familien, die äußerlich der Norm entsprechen – so wie in der Pizzawerbung, die Lauras Vorstellung von der perfekten Familie illustriert. Aber in solchen Familien kann es genauso vorkommen, dass Kinder sich nicht genug beschützt oder nicht genug geliebt fühlen.

GRIPS: Wie bist Du selbst aufgewachsen?

Milena Baisch: Ich bin das älteste von drei Geschwistern. Als ich 13 war, haben unsere Eltern sich getrennt. Da habe ich erlebt, wie es ist, wenn ein Zuhause auseinander fällt. Ich habe aber auch erlebt, wie stark Geschwister zusammenhalten können, wenn sie sich brauchen. Den Wunsch, besser beschützt zu werden, kenne ich auch aus meiner Kindheit.

GRIPS: Du schreibst beides, Theaterstücke und Romane – was ist für Dich der entscheidende Unterschied?

Milena Baisch: Bei einem Roman schreibe ich nur eine Fassung, bei einem Theaterstück unzählige. Es ist eine ganz schöne Tüftelei, bis man die Szenen so auf den Punkt hat, dass sie das erzählen, was man erzählen möchte. Bei einem Roman kann man es einfach hinschreiben. Im Drama kann ich als Autorin nur die Figuren sprechen lassen. So eine Bastelarbeit mag ich aber gerne. Und dann ist es ein absoluter Glückskick, wenn man einen Theatersaal voller Kinder zum Lachen bringt.

GRIPS: Wie bist Du auf die Idee gekommen, Theaterstücke für Kinder zu schreiben?

Milena Baisch: Grundsätzlich finde ich Abwechslung und neue Herausforderungen spannend. Lernen macht immer Spaß, und bei der Arbeit an »Laura war hier« habe ich viel Neues gelernt. Es ist schön, im Team zu arbeiten. Und im Gegensatz zum Film ist es beim Theater viel spielerischer.
Beim Film ist jede Idee ein Kostenfaktor. Beim Theater sagt man einfach: Wir drehen den Tisch um, dann ist er ein Sofa, das Publikum hat kein Problem damit. Und außerdem macht Theater schon deshalb Spaß, weil dort sehr viel gelacht wird.

GRIPS: Als Kind warst Du selbst Zuschauerin im GRIPS Theater und hast uns erzählt, dass das, was Du dort gesehen hast, für Dich zum Vorbild für Dein Schreiben wurde. Inwiefern?

Milena Baisch: Als Kind hatte ich das Gefühl, dass die Stücke irgendwie wichtig sind. Es ging um etwas. Es steckte Kraft und Leben und Wahrheit drin. Zum Beispiel fand ich das Gartenlied aus dem Stück „Mugnog-Kinder!“ unglaublich traurig. Ich wollte so gern dem Mädchen helfen und sie in unseren Garten einladen. In dem Lied geht es um soziale Ungerechtigkeit. Dass es die gibt, spüren Kinder in ihrem Alltag. Und wenn man mit ihnen darüber redet oder es ein Stück oder Lied darüber gibt, fühlen die Kinder sich ernstgenommen. Etwas mit Spaß ernst nehmen: Das kann das GRIPS wirklich gut, und es ist mein Wunsch, dem mit meinen Geschichten nahe zu kommen. Dass Volker Ludwig die Lieder für »Laura war hier« geschrieben hat, ist das Größte für mich.