„Ich überlege es mir zweimal, ob ich es sage“

Mitglieder von AMORO FORO e.V, einem transkulturellen Jugendverbands von Rom*nja und Nicht-Rom*nja, im Gespräch

In der GRIPS-Produktion EIN FEST BEI BABA DENGIZ spielt die Figur einer junge Romni eine wichtige Rolle. Wir haben uns im Rahmen der Premiere des Stücks 2015 mit Violeta, Dennis, Marius, Merdjan und Marie getroffen, die Multiplikator*innen und Mentor*innen beim Jugendteam Amoro Foro e.V. sind. Alle fünf waren damals unterschiedlich lange in Deutschland (manche seit drei, manche seit zwanzig Jahren) und stammen aus Serbien, Ungarn, Rumänien, und Mazedonien. Alle identifizieren sich als Rom*nja.

GRIPS: Rom*nja sind kein heterogenes Volk, sondern eine breite ethnische Gruppe, die viele Untergruppen einschließt. Könnt ihr die Roma-Kultur beschreiben?

Marie: Für mich gibt es keine eine Roma-Kultur in diesem Sinne. Sie wird in jeder Region unterschiedlich gelebt und kann eben nicht festgelegt werden. Sonst wäre es ein Stigma. Die Kultur bezieht sich auf eine ganze Identität. Es ist ein wahnsinnig breiter, weiter Bereich und es wäre schwierig ein paar Wörter rauszukriegen, um die Essenz daraus zu geben. 

Violeta:  Selbst in einer kleinen Stadt gibt es Gruppen, die auch unterschiedlich leben können. Aber bei den meisten ist die Familie an oberster Stelle.

Marius: Frauen und Kinder müssen immer Respekt gegenüber Männer zeigen. Sie müssen immer treu sein.

Dennis: Die Frau unterstützt die ganze Familie und der ganze Haushalt steht auf ihren Schultern. Die Männer gehen und verdienen Geld. Wir haben unsere lokale Kultur, die von Ort zu Ort unterschiedlich ist, aber diese Einstellung gegenüber Respekt ist überall gleich. Vielleicht habt ihr von Stereotypen gelesen – über Musik und Tanz, Betteln und Klauen. Natürlich ist nicht jeder Roma musikalisch, aber es gibt einen Grund warum diese Stereotypen existieren. Viel landestypische Volksmusik ist aus Roma-Kultur entstanden. Zum Beispiel: Flamenco in Spanien, Django Reinhardts Musik in Frankreich, Kolo in Serbien und die Volksmusik in Ungarn heißt übersetzt „ungarische Roma-Musik“. Diese Musik ist sehr wichtig für unsere Kultur.

GRIPS: Was bedeutet es für euch persönlich, Roma oder Romni zu sein?

Violeta (lacht):    Das ist eine sehr typische Frage, die wir oft gestellt bekommen. Es ist unterschiedlich! Ich kann zum Beispiel sagen, dass ich erst seit ein paar Jahren Leuten erzähle, dass ich dieser Minderheit angehöre. Das war aus unterschiedlichen Gründen. Erstens weil ich die Sprache [Romanes] nicht gesprochen habe, und ich mir dann nicht so bewusst war, ob ich dazugehöre. Und zweitens, weil man das in unserer Gegend damals nicht so einfach gesagt hat – wir kommen aus Serbien, wir sind Serben. Man hat es nicht so gerne gesagt.

Dennis: Ich identifiziere mich hundertprozentig mit Roma. Ich weiß nicht, woher ich komme. Ich bin aus Serbien und Ungarn. Ich bin auch Roma. Ich bin stolz. Ich habe meine Sprache, meine Traditionen, meine Kultur. Aber die Gesellschaft sieht die Roma als ganz unten. Ich fühle mich aber nicht so, als ob ich unten stehe. 

Violeta:  Ich persönlich würde mich als Romni identifizieren, aber ich würde nicht sagen, dass ich unbedingt stolz darauf bin, Deutsche, Serbin oder Romni zu sein – ich bin einfach auf mich selbst stolz, auf das, was ich in meinem Leben erreicht habe, wer ich bin. Nicht aufgrund meiner Wurzeln oder meiner Herkunft.

GRIPS: Habt ihr Angst davor, wie andere Leute auf eure Roma-Herkunft reagieren könnten?

Violeta: Ja, natürlich! Die Leute haben ihre Bilder im Kopf, meistens Stereotypen.

Marie: Das, was die Mehrheitsgesellschaft im Kopf hat, ist eben dieses Stigma. Sie denken nicht daran, wer noch Roma oder Romni ist. Sie sehen, jetzt auf Berlin bezogen, nur die Romnis, die über den Alex gehen. Der berühmteste aller Roma ist Charlie Chaplin. Er war britischer Roma. Das haben Leute halt nicht im Kopf, sie haben nur ihre Bilder. 

GRIPS:  Habt ihr selbst Diskriminierung aufgrund eurer Roma-Herkunft erfahren?

Marius: Ich wurde oft in meinem Leben diskriminiert. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in der Schule war. Ich bin immer in der letzten Reihe geblieben. Aber später bin ich gewachsen und habe viele rumänische Freunde gefunden. Und ich war beeindruckt – sie haben mit mir Romanes gesprochen! Ja, wirklich!

Merdjan: Wenn man eine Karriere machen will, dann überlegt man sich schon gut, ob man sich damit identifizieren will. Wenn man zum Beispiel eine gut bezahlte Stelle will, für eine große Firma, haben viele Leute es einfach geleugnet (Rom*nja zu sein). Wenn ich jetzt mich als Roma bekenne, besteht die Gefahr, dass ich die Stelle nicht bekomme. Ich kenne Leute, die gute Jobs haben, gute Positionen, aber die bekennen sich nicht als Roma.

Violeta: Ich muss auch ehrlich sagen, ich überlege mir auch zweimal, ob ich es sage.


Das Gespräch führte Ellen Gallagher, Hospitantin der Produktion EIN FEST BEI BABA DENGIZ | Fotos: Anke Retzlaff als „Violeta“ in EIN FEST BEI BABA DENGIZ, ©David Baltzer/bildbuehne.de

Weitere Informationen zu den Programmen und Veranstaltungen von Amoro Foro e.V.: www. amaroforo.de