„Das GRIPS ist immer dann besonders stark, wenn es neue Perspektiven zulässt“ 

Das GRIPS-Leitungsteam Thomas Keller, Natalie Driemeyer, Jutta Brinklage und Winfried Tobias | ©Màni Thomasson

GRIPS: Die erste Spielzeit unter eurer Leitung ist fast vorbei – wie geht es euch, wie blickt ihr darauf zurück? Und wie beginnt man die Leitung eines Theaters, wenn man als erstes die von der Politik beschlossenen Sparmaßnahmen umsetzen muss?

Thomas Keller:   Die Möglichkeiten eines Hauses sind immer etwas kleiner als die Wünsche, die man als Leitung hat. Das gilt besonders, wenn man etwas verändern möchte. Und erst recht mit solchen Sparmaßnahmen, die, so klein sie erstmal erscheinen, uns dennoch hart treffen. Es ist ja nicht so, als wäre das GRIPS jemals finanziell üppig aufgestellt gewesen. Das alles schränkt die Freiheit künstlerischer Entscheidungen ein. Trotzdem schließen wir die erste Spielzeit als sehr gelungen ab, denn der Plan, mit neuen Regiehandschriften bewährten Stücke neu zu befragen, ist sehr gelungen, Presse und Publikum sind begeistert. Das erleichtert und freut uns sehr! 

GRIPS:  Mit Blick in die Zukunft: Was sind eure Pläne und Schwerpunkte für die kommende Spielzeit?

Natalie Driemeyer: Wir werden in der kommenden Spielzeit zwei Schwerpunkte haben: Wir haben festgestellt, dass wir zwar für fast jede Altersstufe Stücke im Repertoire haben, aber bei den Kita- und Vorschulkindern gibt es eine Lücke. Daher liegt unser Fokus in 2026/27 auf Kinderstücken.
Nachdem wir in unserer ersten Spielzeit fertige und bewährte Stücke von neuen Regie-Teams haben befragen lassen, liegt der zweite Schwerpunkt der kommenden Spielzeit auf dem Entwickeln und Schreiben neuer Kinderstücke. Daher sind die geplanten Premieren zwei Stückentwicklungen und ein Stückauftrag. Und wir bauen auch noch unsere Nachwuchsförderung für Autor*innen aus. 

Winfried Tobias: Wir schaffen Räume für neue Stoffe, neue Perspektiven und neue künstlerische Impulse. Theater bleibt für uns eine Werkstatt. Ein Ort des Ausprobierens, Weiterentwickelns und Veränderns. Wir schauen: Welche Themen bewegen die Menschen? Was hören wir aus Schulen und Kitas? Was erleben wir selbst? Und daraus entwickeln wir unser Programm.

T. Keller: Außerdem wollen wir weiterhin Bewährtes mit Neuem verbinden und auch Impulse aus dem Haus, in der Zusammenarbeit mit Schulen und unserem Publikum aufnehmen. Das GRIPS ist immer dann besonders stark, wenn es neue Perspektiven zulässt. Aus all diesen Impulsen hat sich für uns ganz organisch die Spielzeit 2026/27 gestaltet. 

W. Tobias: Was unsere Nachwuchsförderung angeht, führen wir die Zusammenarbeit mit der Akademie für Kindermedien in Erfurt fort, wir starten eine neue Kooperation mit dem Studiengang Szenisches Schreiben der UdK und wir entwickeln unseren langjährigen „Berliner Kindertheaterpreis“ weiter, der künftig „GRIPS + GASAG Autor:innenpreis“ heißen wird. 
Uns interessiert dabei vor allem die Frage: Wie entstehen die Geschichten von morgen? Wie fördern wir Autor*innen so, dass sie wirklich Zeit und Raum bekommen, ihre Stoffe für das Kindertheater zu entwickeln.

GRIPS:            Schauen wir konkret auf die Premieren. Beginnen wir mit „Oh peinlich“ für Menschen ab 5, Premiere wird am 15. Oktober im GRIPS Hansaplatz sein.

T. Keller:       Wir wollten unbedingt weiter mit dem feministischen Regiekollektiv „hannsjana“ arbeiten, das 2025 einen der besten Gala-Abende für den „Berliner Kindertheaterpreis“ entwickelt hat. An „hannsjana“ schätze ich besonders deren Humor, ihre wunderbare Respektlosigkeit und das Um-die-Ecke-Denken. Sie haben einen ganz eigenen Zugriff auf Stoffe und Situationen. Und diesen Zugriff wollen wir mit GRIPS-Kinderliedern verbinden, wir sind sehr gespannt, was dabei herauskommt. 
Die Grundsituation des Theaterstücks „oh peinlich“ ist herrlich absurd: Eigentlich soll ein Konzert stattfinden, nur hat sich die Band ausgesperrt. Stattdessen stehen plötzlich Menschen, die nur eine Führung durch das Theater gebucht hatten, unverhofft auf der Bühne und müssen irgendwie den Abend retten. Die Instrumente sind da – aber spielen kann sie eigentlich niemand. Genau daraus entsteht der Spaß.

N. Driemeyer: Thematisch soll es in dem Stück um die Fragen gehen, die Kinder ab fünf Jahren sehr beschäftigen: Was kann ich? Was kann ich nicht? Wann blamiere ich mich? Wie mutig bin ich? Was können die anderen und ich nicht? Bin ich richtig? Bin ich falsch? Muss ich etwas können, um dazuzugehören? Diesen Fragen spürt das Ensemble bei der Stückentwicklung von „Oh peinlich“ mit „„hannsjana““ nach.

GRIPS:            Das GRIPS bietet seit 2012 Stücke für die Kleinen und Allerkleinsten an, eine der anspruchsvollsten Theatergattungen, weil nicht nur mit Sprache gearbeitet werden kann. Die zweite Produktion wird für diese Zielgruppe sein?

N. Driemeyer: Mit „aus|flug“ wollen wir Theater nicht nur für kleine Kita-Kinder ab 3 Jahren machen, sondern vielmehr gemeinsam mit ihnen entwickeln. Wir gehen direkt in Kitas, arbeiten dort mit Kindern, Eltern und Pädagog*innen zusammen und entwickeln aus diesen Begegnungen heraus gemeinsam mit unserer Dramaturgie und Theaterpädagogik die Produktion. Regine Seidler war bei allen Stückentwicklungen für diese Gattung als Schauspielerin dabei, ihre Expertise ist uns äußerst wertvoll. 
Von „aus|flug“ wird es zwei Versionen geben: eine mobile Fassung, die in einen Koffer passt, und mit der wir direkt in die Bezirke reisen können. Und eine Bühnenfassung für das GRIPS Podewil, die ins Repertoire übernommen wird. Die Produktion knüpft an die Erfahrungen unseres mehrjährigen Partizipationsprojekts „Props gehen raus“ an. Uns interessiert die Frage, wie Theater schon im frühen Kindesalter Räume für Mitbestimmung, Fantasie und gemeinsames Lernen schaffen kann. Die Uraufführung ist am 25. Februar 2027 im GRIPS Podewil.

GRIPS:            Die dritte Produktion ist ein Stückauftrag für Menschen ab 8 Jahren an Benjamin Tienti. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was ist sein Auftrag?

W. Tobias: Mit Benjamin hatten wir bereits beim „Berliner Kindertheaterpreis“ sehr gute Erfahrungen gemacht, daraus entstand der Wunsch, die Zusammenarbeit zu vertiefen. Er hat das Ensemble kennengelernt, Gespräche mit der Dramaturgie geführt und sich intensiv mit den Lebensrealitäten unserer Zielgruppe beschäftigt.

T. Keller:       Benjamin ist Schulsozialarbeiter am Campus Rütli, Musiker und Kinder-und Jugendbuchautor. „Ehre dem Sommer“ wird sein erstes langes Theaterstück sein, wir sind sehr überzeugt, dass er das kann, denn seine mehrfach ausgezeichneten Kinderbücher zeichnen sich durch starke, pointierte Dialoge und Situationen aus. 
Im Mittelpunkt steht die achtjährige Lina, die am liebsten zuhause in ihren virtuellen Welten unterwegs ist, und die von ihrem Vater an den Ort geschickt wird, wo sich im Sommer das geballte Leben abspielt: Ins Freibad. Welche Geschichte sich da entwickeln wird, davon lassen wir uns selbst überraschen, Benjamin wohl auch. 

N. Driemeyer: Seine Texte sind lustig, warmherzig, nie belehrend und von tiefer Kenntnis der Lebenswelten. Das mögen wir sehr. Theater darf Spaß machen. Und genau das bringt Benjamin mit.

W. Tobias: Die Regie von „Ehre dem Sommer“ übernimmt Inda Buschmann – eine Kollegin, mit der das Ensemble und auch wir schon lange zusammenarbeiten wollten. Inda arbeitet bei freien Gruppen ebenso wie an Stadt- und Staatstheatern, inszeniert Stückentwicklungen genauso überzeugend wie literarische Vorlagen oder Weihnachtsmärchen. Dazu hat sie einen ausgeprägten Sinn für Humor, für Tempo und für Ensemblearbeit. Genau das passt sehr gut zu Benjamins Texten.

N. Driemeyer: Wir suchen ja immer nach Teams, die sich gegenseitig inspirieren und herausfordern. Bei Benjamin und Inda haben wir sehr früh das Gefühl gehabt, dass hier zwei künstlerische Haltungen aufeinandertreffen, die sich hervorragend ergänzen könnten. Deshalb freuen wir uns sehr darauf, diese Zusammenarbeit am GRIPS zu realisieren, die Uraufführung ist am 3. Juni 2027 im GRIPS Hansaplatz. 

GRIPS:            Das GRIPS hat in seinem Repertoire drei Jugendstücke über die Zeit der NS-Diktatur und über die Verführbarkeit von rechtspopulistischen und antidemokratischen Parolen. Ihr ergänzt dieses Angebot mit einem Theaterstück für Menschen ab 9.

T. Keller:        Ja, das GRIPS steht ja schon immer für eine ganz klare Haltung gegen Rechtsextremismus und für eine vielfältige Demokratie, dazu haben wir im Repertoire „Ab heute heißt du Sara“ nach Inge Deutschkrons Biografie, eine zeitgemäße Bearbeitung von „Die Welle“ von Jochen Strauch und Kirsten Fuchs‘ „Das Heimatkleid“ über die Verführbarkeit durch rechtspopulistische Parolen. 
Am 9. November nehmen wir das mit dem IKARUS ausgezeichnete Kinderstück „Bär. Ein Zeitzeuge erzählt“ als Gastspiel ins Repertoire auf, eine Kooperation mit der Schaubude Berlin. Altersgerecht für Grundschulkinder ab 8 Jahren wird in diesem dokumentarischen Puppen- und Objekttheater über das Leben eines jüdischen Kindes während der Nazi-Diktatur aus der Sicht ihres Teddybärs erzählt. Die Geschichte basiert auf den Lebenserinnerungen von Irene Grumach-Shirun. 

N. Driemeyer: Und man kann sich auch die mobile, szenische-musikalische Lesung „Sie trug den gelben Stern“ in die Bezirke einladen. Unsere Theaterpädagogik bietet ergänzend dazu diverse Formate an, u.a. das Planspiel „Ecomisia“ zum Thema Nationalsozialismus. Gemeinsam mit der Landeszentrale für Politische Bildung gibt es am 24. September eine Fortbildung gegen die von rechter Seite geforderte Neutralität im Klassenzimmer und in der sozialen Arbeit. 
Strenggenommen ist ja unser ganzer Spielplan ein durchgehendes Plädoyer für Vielfalt, Gleichberechtigung, Zusammenhalt, Respekt oder kurz für lebendige Demokratie. Das ist GRIPS, ganz einfach.

GRIPS:            Keine Spielzeit im GRIPS ohne Jubiläen und Feste. Worauf können sich die Besucher*innen freuen?

N. Driemeyer: Dieses Jahr feiern unsere Freund*innen in Indien „40 Jahre GRIPS Movement in India“. Dafür reisen Kolleg*innen von uns im Sommer nach Pune und geben dort Workshops. Im Anschluss kommen im September Kolleg*innen aus Indien zu uns nach Berlin. Ich bin sehr gespannt darauf, was aus diesem gegenseitigen Kontakt und Austausch auch hier bei uns entstehen wird. Die Kolleg*innen aus Indien werden auf alle Fälle Gäste bei unserem Fest Ende September sein.

GRIPS:            Am 26. September, also eine Woche nach den Wahlen, gibt es so eine Art Spielzeiteröffnung mit dem  „Bitte halt mich–Fest“ hier am GRIPS und am Hansaplatz.

W. Tobias:    Ab 16 Uhr haben wir gemeinsam mit unseren Spielzeit-NGOs „Eltern gegen Rechts“ und „Omas gegen Rechts“ eine Kundgebung auf dem Hansaplatz angemeldet, um ein fröhliches und lebendiges Signal für Vielfalt und Demokratie zu senden. Wir sind gespannt, was sich bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und in Berlin für Herausforderungen abzeichnen werden. 
Parallel gibt es ein Programm für Familien, Engagierte, die Nachbarschaft und Interessierte, und wir öffnen unser Haus für alle, die hinter die GRIPS-Kulissen schauen und mit uns ins Gespräch kommen möchten. Um 19 Uhr wollen wir auf der Bühne gemeinsam mit allen bei einem SingAlong mit GRIPS-Liedern singen. Alles passend zur Idee des Tages mit dem LINIE-1-Song „Bitte halt mich fest“.

GRIPS:            Am Ende der Spielzeit wartet noch ein ganz besonderes Jubiläum: GRIPS-Gründer, ehemaliger Leiter und Hauptautor Volker Ludwig wird am 13. Juni 2027 90 Jahre alt…

W. Tobias:    Das ist natürlich am Ende der Spielzeit ein Feiertag für das Haus! Wie genau gefeiert werden wird, ist noch offen. Aber dass dieser Geburtstag gebührend begangen wird, das ist schon mal klar. 

GRIPS:            Ich muss jetzt doch nochmal auf den Anfang zurückkommen mit einer Frage an die Geschäftsführung: Ihr seid ja in eure erste Spielzeit als neue Leitung gestartet mit der Bürde, 65.000 Euro zu kürzen. Was heißt denn das konkret im Alltag?

Jutta Brinkschulte: Zunächst vorneweg: Ich bin ja dankbar, dass wir überhaupt öffentliche Mittel bekommen. Aber die Realität ist eben auch: Wir haben nicht nur die erzwungene Kürzung von 65.000 Euro zu verkraften, sondern es wird ja gleichzeitig alles teurer. Strom, Müll, Wartung, Brandschutz, Haustechnik – eigentlich gibt es keinen Bereich, in dem die Kosten nicht steigen. Das klingt immer nach kleinen Posten, aber in der Summe macht es einen enormen Unterschied.

Was dabei oft übersehen wird: Die Kürzung betrifft nicht irgendeinen abstrakten Haushaltsposten, sondern sie wirkt sich unmittelbar auf die künstlerische Arbeit aus. Rechnerisch entspricht sie ungefähr 20 Prozent unseres künstlerischen Etats. Wenn man sich diese Zahl vor Augen führt, wird deutlich, dass das nicht einfach durch ein bisschen Sparen im Alltag aufgefangen werden kann.

Gleichzeitig stehen wir als Theater vor der Aufgabe, faire Arbeits-bedingungen zu sichern. Wir arbeiten mit vielen Gästen zusammen – Regisseur*innen, Autor*innen, Bühnenbildner*innen, Schauspieler*innenn und Musiker*innen. Wenn wir wollen, dass kulturelle Arbeit fair bezahlt wird, dann müssen dafür auch die Mittel vorhanden sein. Genau hier entsteht im Moment ein großer Widerspruch.

Wir versuchen deshalb sehr bewusst, nicht bei den Menschen zu sparen. Was aber wiederum zu Lasten der Investitionen geht, teils dringend benötigte müssen wir ganz einfach weiter aufschieben. Wir suchen zwar auch nach Fördermöglichkeiten in diesem Bereich, aber auch hier werden die Volumen geringer. Gerade arbeiten wir beispielsweise daran, eine Photovoltaikanlage auf das Dach zu bekommen. Das wäre eine wirklich gute Investition, die in Zukunft unser Haus entlasten würde. Doch ist es mir wichtig, dass wir nicht einfach unsere Rücklagen aufbrauchen, um die Kürzungen kurzfristig auszugleichen. 

Für die künstlerische Produktion bedeutet das trotzdem, dass Ideen unter immer engeren finanziellen Bedingungen umgesetzt werden müssen. Der Rahmen wird kleiner. Natürlich entsteht Kunst auch unter Druck – wir glauben aber nicht an die romantische Vorstellung, dass schlechte Bedingungen bessere Kunst hervorbringt. 
Gute Kunst braucht Verlässlichkeit, Planungssicherheit und faire Arbeitsbedingungen. Genau diese Spielräume werden derzeit kleiner. Und deshalb geht es bei den Debatten um Kulturfinanzierung am Ende nicht nur um Zahlen, sondern ganz konkret um die Frage, welche Kunst wir in Zukunft ermöglichen wollen.

Das Interview führte Anja Kraus (PR im GRIPS Theater)