Lutz Hübner, Sarah Nemitz und Jessica Weisskirchen im Gespräch zu „Das Herz eines Boxers“
GRIPS-Dramaturg Tobias Diekmannhat sich schon vor dem Probenbeginn mit Lutz Hübner, Sarah Nemitz und Regisseurin Jessica Weisskirchen zu einem ersten Gespräch getroffen. Während der Probenarbeit wurden einige Aspekte prägnanter, andere weniger, daher gibt dieses Gespräch erstmal nur einen ersten Eindruck wider, was zählt, ist die Inszenierung von DAS HERZ EINES BOXERS, die am 4. Juni zur Premiere kommt.
GRIPS: 1996 wurde „Das Herz eines Boxers“ am Berliner GRIPS Theater uraufgeführt. Es gewann den Jugendtheaterpreis und ist bis heute über 100-mal allein im deutschsprachigen Raum inszeniert worden. Wenn ihr auf das Stück schaut: Was ist sein zentraler Kern? Und hat sich der Blick auf den Text verändert?
Sarah: Im Kern gibt es keine großen Unterschiede. Es geht um Menschen, die sich annähern. Aus unterschiedlichen Lebenssituationen kommend, merken sie zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie einander etwa geben können. Gesellschaftliche Feinheiten und Gepflogenheiten haben sich inzwischen jedoch schon geändert.
Lutz: Zur Uraufführung hieß es: Was können wir voneinander lernen oder wie können wir neugierig aufeinander sein? Dass sich die Welt in den letzten dreißig Jahren verändert hat, fließt jetzt in das Stück mit ein und das macht mich neugierig auf einen neuen Blick.
Jessica: Für mich geht es um den Zauber eines Moments: Zwei Menschen begegnen sich und teilen einen Augenblick miteinander und motivieren sich im richtigen Moment, weiterzumachen.
GRIPS: Bleiben wir kurz beim Zauber eines Moments. Jessica, was waren deine ersten Gedanken beim Lesen des Textes?
Jessica: Ich dachte zuerst: In wessen Kopf findet das statt? Kommt da der junge Jojo wirklich zum Streichen ins Altersheim? Oder ist man im Kopf vom alten Boxer Leo, der sich in eine Geschichte zurückfantasiert? Ich mag, dass der Text meint, was er sagt. Das ist bei Theatertexten häufig nicht so – da diskutiert man viel darüber, was eigentlich gesagt wird. Hier komme ich leicht mit den Figuren in Kontakt. Wie sich die Beiden in einem „Nicht-Raum“ treffen und anfangen miteinander zu sprechen. Sowas passiert heutzutage selten. Dass sich Menschen fremd begegnen und ein Gespräch entsteht. Der Text ist so schön schnörkellos und pur.
GRIPS: Und an welchen Stellen wird spürbar, dass der Text aus einer anderen Zeit stammt?
Jessica: Es gibt Momente in der Sprache, wo ich mich gefragt habe, ob man das heute noch so sagt. Und dass zwei Menschen, die sich nicht kennen, eine Verbindung aufbauen, erschien mir so realitätsfern, dass ich sie als Fantasie gelesen habe. Dabei geht es nicht um gut oder schlecht gealtert. Ich frag mich eher, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt, dass es in meiner Welt kaum noch zu solchen Situationen kommt. Das Stück stammt aus einer Zeit, in der das möglich war.
Lutz: Ich weiß, dass ich das jetzt so nicht mehr schreiben könnte. Einfach, weil wir heute anders schreiben. Es ist wichtig, dass es einen Außenblick von Jessica gibt. Der Text ist mir nah und fremd zugleich. Themen wie Rollenbilder, toxische Männlichkeit und welche Erwartungen und Stereotype das Handeln der Figuren bestimmen, werden heute anders bearbeitet. Die Rolle des Mädchens, um das Jojo wirbt, wäre eine andere. Solche Fragen kamen auch schon in anderen Inszenierungen auf, wenn Jojo, wie am Stuttgarter JES, von einer jungen Frau gespielt wird oder Leo in einer brasilianischen Inszenierung ein BPoC ist, der auf einen Jungen aus einer Favela trifft – da werden Fragen der Teilhabe oder Überlebenstechniken nochmal anders verhandelt.
GRIPS: Fragen zu Männlichkeit stellten wir uns bei der Auseinandersetzung mit dem Text auch direkt…
Jessica: Absolut. Ich sehe in beiden Figuren erstmal stereotype Männlichkeitsbilder, die im Verlauf aufweichen und die Frage nach einer Neudefinition stellen: Was können zwei Generationen – in beide Richtungen gedacht – voneinander lernen? Ich würde aber sagen, dass es um menschliche Bedürfnisse und Wünsche geht, die über die Geschlechtsidentität hinausgehen: Wen darf ich lieben? Wo ist mein Platz in der Welt? Wer bin ich, wenn ich alt bin?
Es geht um Einsamkeit in einer viel zu schnelllebigen Welt und darum, sich gegenseitig den Rücken zu stärken, wenn einer nicht mehr weiter kann. Es geht um Trost, Sehnsucht und Hoffnung.
Inszenatorisch frage ich mich, was der alte Leo vom jungen Jojo lernt und wo er sein eigenes Bild von Männlichkeit überprüft.
Lutz: Leo steht aus Figurenperspektive jenseits solcher Bilder. Er verhandelt über diesen Punkt mit sich nicht mehr. Jojo steckt da zu Beginn in einer toxischen Ecke. Er lernt über Leo eine Art Männlichkeit kennen, die eine Stärke hat, ohne Stärke behaupten zu müssen.
Sarah: Leo lehnt bestimmte Formen von toxischen Männlichkeitsbildern für sich ab. Er hat sich da nie gefunden. Das vermittelt er Jojo.
Lutz: Von außen denkt man: Leo kann boxen und sich verteidigen. Es war für ihn nicht nötig, mit sich in den Diskurs darüber zu gehen.
Sarah: Leo hat aus der Not heraus und für Geld geboxt. Mit der Außenzuschreibung eines Boxers konnte er nie viel anfangen.
Jessica: Dazu gehören auch die genannten anskizzierten Frauenfiguren im Text, wie eben das Mädchen, in das Jojo verliebt ist. Anhand der männlichen Reaktion auf die weiblich gelesenen Figuren zeichnet sich eine Männlichkeit ab, bei der wir uns fragen, wie man sie inszenatorisch aufbrechen kann.
GRIPS: Was erhofft ihr Euch für die Zukunft der Geschichte?
Lutz: Jessicas Aussage – fremde Menschen, die miteinander reden – hätte ich so nicht benennen können. Aber ich verstehe sofort, was sie meint. Da wird mir deutlich, dass es zwischen uns einen Altersunterschied gibt, der einen Blick und ein Weltverständnis mit sich bringt, den ich gar nicht haben kann, weil ich zu sehr in meinen Selbstverständlichkeiten hänge.
Sarah: Man wünscht sich eine Regie, die eine Brücke in die jetzige Generation schlägt, die wir nicht mehr schlagen können.
Jessica: Der Text ist wie ein Zeitzeugnis und zeigt, was es damals gab und was man sich heute wieder wünscht, gleichermaßen wie Dinge, die es damals gab und heute – zurecht – nicht mehr. An dem wir Vergleiche ziehen können: Was haben wir verloren? Was haben wir gewonnen?
Lutz, Sarah: Ja! Absolut.
GRIPS: Stichwort Zeitzeugnis. Was macht denn den Text zeitlos?
Jessica: Themen wie Dazugehören wollen, Einsamkeit oder die Frage, wo man im Leben steht. Wie man allein durchs Leben kommt – und die Suche nach Verbindung sind universell.
Sarah: Menschliche Grundbedürfnisse sind Basis des Textes. Man braucht immer mal wieder jemanden, mit der oder dem man das eigene Zeugs verhandeln kann. Manchmal ist man sich dessen nicht so bewusst, bis jemand kommt, der einem weiterhilft. Ich glaube das ist nach wie vor so, wenn man dafür offene Augen hat.
Lutz: Der Wunsch, für jemanden zu zählen. Jemandem etwas zu bedeuten. Dass jemand zuhört.
GRIPS: Oft wird im Zusammenhang mit dem Stück vom Generationsdialog gesprochen. Wie seht ihr das?
Sarah: Im Stück selbst wird das nicht verhandelt, nur wenn man über das Stück spricht. Das Entscheidende ist, dass die beiden aus einem unterschiedlichen Erfahrungshintergrund miteinander sprechen und sich dennoch was zu sagen haben.
Lutz: Der Unterschied ist auch der, dass der Boxer Leo von 1996 biografisch tief im 20. Jahrhundert verwurzelt ist. Er hat Kriegserfahrungen, Noterfahrungen, Leiderfahrungen gemacht – die heute Achtzigjährigen sind eigentlich in der längsten friedlichen Zeit Europas aufgewachsen.
Sarah: Aber sie kommen als Kinder aus dieser Zeit.
Lutz: Aber nicht mehr als Leute, die aus dem Kampf kommen. Die heute Achtzigjährigen sind mit Rockmusik aufgewachsen. Das ist eine andere Art von Alter, auf das ein Jojo von heute trifft. Wir merken bei allen Stücken, die vor der Digitalisierung geschrieben wurden, dass sich das Sozialverhalten verändert hat. Das ist ein anderer Umgang.
GRIPS: Wie beobachtet ihr die Entwicklung dramatischer Texte für junges Publikum in den letzten Jahren?
Lutz: Stefan Fischer-Fels, der damals als GRIPS-Dramaturg das Boxer-Stück initiiert und begleitet hat, hat uns für „The Drop“ ans Junge Schauspielhaus Düsseldorf eingeladen. Das erste Jugendtheaterstück seit neun Jahren für uns. Eigentlich sind wir in der Szene nicht mehr so aktiv, wir schreiben eher für den Abendspielplan.
Sarah: Wir wollten nicht mehr für junges Publikum schreiben, weil wir dachten: Jetzt sind wir echt zu alt. Dann kam Corona und uns hat beschäftigt, dass junge Menschen den größten Preis dafür zahlen, wo eigentlich am meisten passiert im Leben. Gleichzeitig haben wir bei der Recherche gemerkt, dass man oft die Resilienz und Kraft junger Menschen unterschätzt.
Lutz: Von außen habe ich den Eindruck, dass kollektive Projekte immer stärker geworden sind. Dass die Position des Autors*der Autorin als Autor*in, der*die ein Stück schreibt, das auch nachgespielt werden soll, nicht mehr so selbstverständlich gesetzt ist. Vielleicht kommt es auch wieder.
Sarah: Vielleicht als Post-Corona Phänomen. Menschen sehnen sich wieder nach Geschichten.
Jessica: Post-Corona Dramatik.
