Regisseurin und Bühnenbildnerin Sigrun Fritsch über „BÜLOWSTRASSE“
Drehbuch- und Theaterautor Juri Sternburg hat die Motive und Stimmungen der Songs aus LEAs Album „BÜLOWSTRASSE“ aufgegriffen, Figuren und Situationen weiterentwickelt und in einem Theaterstück vertieft. Entstanden ist eine Stimmungsbild über junge Großstadtmenschen und ihren existenziellen Nöten und Konflikten, voller tiefer Verlorenheit und Zerrissenheit.
Dramaturg Tobias Diekmann sprach mit Regisseurin und Bühnenbildnerin Sigrun Fritsch über die inszenatorischen, räumlichen und musikalischen Herausforderungen der Produktion, über ihr Konzept und Herangehensweise, was sie am Stück berührt hat und was sie sich für das Publikum wünscht:
„BÜLOWSTRASSE“ basiert auf dem gleichnamigen Album von LEA. Was waren deine Gedanken, als du das Album zum ersten Mal gehört hast?
Mich haben die Texte fasziniert und es hat sich über die Musik ein melancholisches Gefühl eingestellt. Darum dachte ich sofort daran, die Songs in einer Welt zu platzieren, in der man Gedanken und Gefühle beschreibt, die eher im Inneren verhandelt werden.
Welche Aspekte haben dich gereizt? Warum wolltest du dieses Stück machen?
Ich fand es reizvoll, aus der Textvorlage – bestehend aus jugendlichen Dialogen, inneren Monologen und den vorhandenen Songtexten – eine Inszenierung zu konzipieren, die diese verschiedenen Text-Bausteine verbindet und zu einer sinnhaften Grundlage werden lässt. Die textliche Seite der Inszenierung ist ein wichtiger Bestandteil, während die Musik das zentrale Fundament der Inszenierung bildet. Auf sie baut die weitere Dramaturgie aus Text, Bühnenkonzept und Bewegung auf.
Genau das wollte ich ausprobieren.
Welche gesellschaftlichen Bezüge siehst du?
Die Geschichte vermittelt Perspektiven einer Generation, die auf der Suche ist. Sie beschreibt die Sehnsucht nach einem sinnhaften und lebendigen Leben und stellt gleichzeitig durch den angesprochenen Klassismus die Ausweglosigkeit dar.
Du bist auch für das Bühnenbild verantwortlich. Welche künstlerischen Entscheidungen hast du getroffen, um die Atmosphäre der „BÜLOWSTRASSE“ auf die Bühne zu bringen?
Ich wollte gerne ein multifunktionales Bühnenbild, indem ich die Inszenierung aus verschiedenen Blickperspektiven erleben kann. Es gab ein paar Stichworte, die mich inspiriert haben: Nacht, oben-unten, klein- groß, innen-außen. Der vorgegebene und sehr spezielle Bühnenraum am GRIPS ist dabei eine ziemliche Herausforderung gewesen.
Gibt es spezifische Elemente – Musik, Bühnenbild oder Licht –, die eine zentrale Rolle in der Inszenierung spielen?
Alle drei Bereiche spielen eine zentrale Rolle. Für mich ist „BÜLOWSTRASSE“ eine Musiktheaterproduktion, bei der die Musik die Basis darstellt. Darauf bauen Bühne, die szenische Umsetzung mit den entsprechenden Texten, die Kostüme und Videoprojektionen mit Licht auf.
Welche Herausforderungen gab es noch bei der Umsetzung?
Das Konzept ist nicht einfach auf die Bühnensituation zu übertragen: Die Grundlage ist das Album, dazu kam ein Text mit verschiedenen Spielorten und alles könnte in einer Nacht spielen. Ich habe mich entschieden, die Geschichte als Erinnerung von Mila zu erzählen. Das ermöglicht mir, die Beziehungen zu den Menschen in ihrem Umfeld von einem konkreten Zeitfenster einer Nacht in ein offeneres Zeitempfinden zu transportieren. Die Rollen verschwimmen und einzelne Sequenzen können bruchstückhaft auftauchen. Das schafft einen assoziativen Zugang und die Zuschauer*innen können sich auf das Erleben – und nicht nur auf das Verstehen – der Darstellungen mit all den Facetten einlassen.
Was soll das Publikum aus der Aufführung mitnehmen?
Schön wäre, wenn man durch den Abend erlebt, wie unterschiedlich subjektive Wahrnehmung, Erwartungen, Wünsche an sich selbst und anderen erlebt werden. Und auch, wie unterschiedlich die Strategien sind, um mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Mila entscheidet sich am Ende nicht mehr wegzulaufen, sondern sich diesen Herausforderungen zu stellen. Diese Aussage finde ich wichtig, um das eigene Leben aktiv gestalten zu können und zu erkennen, dass Lösungen nicht einfach da sind, sondern das Ganze ein Prozess von Veränderungen ist. Und diese können sich oft auch schwierig und unangenehm anfühlen. Die Selbstverantwortung führt dann aber schlussendlich doch zu Stärkung und Selbstvertrauen.
Sigrun Fritsch übernahm nach dem Kunststudium mit Fokus auf Performance und Tanz 1988 das Freiburger Aktionstheater PAN.OPTIKUM. Sie inszenierte u. a. mit dem Theater Freiburg »The Civil Wars« von Philipp Glass und für die Philharmonie Tallinn Glucks »Orpheus«. Mit dem Choreografen Wayne McGregor (Royal Ballet House London) inszenierte sie für den British ArtsCouncil. 2012 entwickelte sie für das Sinfonieorchester des SW-Rundfunks Baden-Baden und Freiburg Prokofjews »Romeo und Julia« mit jungen Rappern und Hip-Hop-Tänzern. Ihre Arbeit wurde mit dem Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg (2005) sowie des Bundesministeriums für Familie und Jugend (2008) ausgezeichnet. Von 2015 – 2018 war sie die künstlerische Leiterin des Kooperationsprojekts »Power of Diversity«. 2022 inszenierte sie Strawinskys »Sacre du Printemps« in der Lokhalle Freiburg in Kooperation mit dem Orchester der Hochschule für Musik mit 16 jungen Tänzer*innen des internationalen PAN.OPTIKUM Ensembles.
©Valentin Behringer

